Eine kleine Auswahl schlecht gelaunter CD-Rezensionen

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Eine Auswahl der Rezensionen, die ich für VICE verfasst habe, damals, als es noch Menschen gab, die CDs gekauft haben. Mögen sie in Frieden ruhen.

 

BUBBLEWRAP HOLOCAUST
Bubblewrap Holocaust
Textile Records

Als ich anfing, Musikkritiken zu schreiben, beschrieb ich bei allen CDs, zu denen mir nichts einfiel, einfach die imaginäre alternative Wirklichkeit, in die sie mich versetzen. Bubblewrap Holocausts 60ger-Stooges-Punk-Verschnitt versetzt mich in eine alternative imaginäre Welt, in der ich jeden Tag von 10 bis 22 Uhr arbeiten muss, zwei Drittel der Weltbevölkerung unter dem Existenzminimum dahinvegetieren und es immer regnet, wenn ich frei habe … irgendwas ist da faul.

HOWLING BELLS
Radio Wars
Independiente

Cocteau-Twins-Darling, Vorband von Snow Patrol, Vorband von Placebo, Vorband von Mercury Rev. Erstklassige Referenzen, nette Stimme, aufwendig produziertes mythisches Gothrock-Shoegaze-Plastik, achja, Vorband von den Killers, hab ich das schon erwähnt? Du fängst beim Hören der CD fast automatisch an, nervös an deinem Becks zu nuckeln und zu warten, dass endlich mal der Hauptact anfängt, bis sie auf einmal zu Ende ist und du dich ähnlich verarscht fühlst, als hättest du gerade drei Lagen Alufolie gefressen und dann sei gar kein Döner drin.

BELLE AND SEBASTIAN
Write About Love

Von Liebe hab ich offenbar keine Ahnung, denn ich fand das hier ganz okay belle-and-sebastianig und wollte die CD dem Mädchen schenken, mit dem ich in der Mittelstufe immer auf ihrem Bett abhing, mich von Räucherstäbchen einnebeln ließ und Belle and Sebastian lauschte, aber sie hatte WAL schon als Stream gehört und fand es “Nicht so doll.”. Die Zeiten sind also auch vorbei.

PELLE CARLBERG
The Lilac Time
Labrador Records

Mischung aus Belle and Sebastian und den anbiedernden, augenzwinkernden Aussetzern eines alternden Familienvaters, der eigentlich zur Selbsthilfegruppe nebenan wollte. Oder, wie letztens jemand bemerkte: “Wenn ich 1 kg Heidelbeeren und 1 kg Scheiße zusammenrühre, habe ich hinterher 2 kg Scheiße.”. Das trifft es ziemlich genau.

JACK PENATE
Everything Is New
XL Recordings

Wow, ist der hübsch. Und gut gelaunt. Und charmant. Und energiegeladen. Seit dem ersten Ton von Everything Is New bin ich von einem einzigen Wunsch besessen: Ich möchte zu gern sehen, wie ihm jemand so richtig die Fresse poliert. Gibt es eigentlich noch käufliche Schläger da draußen? Käufliche Schläger, die Vice lesen? Hallo? Hallo, ich hab einen Job für euch! Es gibt kein Geld, aber ihr dürft die CD behalten!

TV BUDDHAS
Dying At The Party
Trost / Cargo

Der TV Buddha war eine Installation von Paik, bei der eine Buddhastatue sich selbst in einem Fernseher dabei betrachtet, wie sie dabei gefilmt wird, wie sie sich selbst im Fernseher betrachtet, und dadurch die Konfrontation von östlicher Tradition und westlicher Technik symbolisiert; die TV Buddhas sind eine Band, in derem Sound du den Modern Lovers zuhören kann, wie sie sich nicht zuhören, weil die Modern Lovers nicht da sind, obwohl du sie hörst, was überhaupt nichts symbolisiert, aber bedeutet, dass du existierst, also im konkreten Fall eigentlich nur, dass ich existiere, aber da du diese Review liest, existierst du auch, und die TV Buddhas gibt es auch noch, das ist doch schon mal ganz gut für den Anfang.

THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM
Jung, talentlos und gecastet
Universal

“Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen Tier und Übermenschen. Ein Seil über einem Abgrunde.” – F. Nietzsche

WILD BEASTS
Smother
Domino Records

Der Konsens-Radio-1-Hörer-Liebling Two Dancers ist zwei Jahre her, aber wie das immer so ist, sind Wild Beasts nicht zufrieden damit, die etwas nervige, aber immerhin verhältnismäßig eigenständige erste Wahl für nicht geoutete homosexuelle Teenager zu sein, denen Radiohead zu Mainstream geworden ist—nein, sie wollen sich weiterentwickeln, referieren Talk Talk, schlingern Richtung Coldplay, kriegen haarscharf die Kurve und legen doch noch ein gutes Album hin. Ihr müsst halt je nach sexueller Orientierung bei der Wertung 2 Punkte drauflegen oder abziehen. Wenn ihr zu jung seid, um euch sicher zu sein, bleibt einfach bei Coldplay.

WYE OAK
If Children
Affairs of the Heart

Wenn du If Children von Wye Oak elfmal kaufst und dazu elf Anlagen und die elf Tracks dann alle gleichzeitig laufen lässt, entsteht ein vor schnorrigen Feedback waberndes weiches bassiges Energiefeld aus tiefmelodischer Traurigkeit, das beginnt, die Erde in sich einzusaugen. Andererseits, wenn du soviel Geld überhast, kannst du auch in die Schweiz fahren und eine einzelne Träne in den Teilchenbeschleuniger fallen lassen, der Effekt dürfte ungefähr der gleiche sein.

JENNY LEWIS
Acid Tongue
Indigo

In frühen Hochkulturen wurde allzu unerträglichen Sängern die Zunge ausgerissen und vor ihren Augen an die blutgierigen Jagdhunde des jeweiligen sadistischen Herrschers verfüttert. Nicht, dass man sowas heutzutage irgendwem wünschen würde.

THIEVES LIKE US
Play Music
sea you records

Das siebzigmilliardste Album, das Partydrogen und unglückliche Liebe thematisiert. Auf jeden Bewohner dieses Planeten kommen inzwischen mindestens fünf Alben über Partydrogen und unglückliche Liebe. (Bedenke: bei der Schätzung sind die hungernden afrikanischen Kleinkinder und Hardcore Straight Edger, die ja nun wirklich andere Sorgen haben, alle noch eingerechnet.). Muss man nicht mehr unbedingt machen. Wenn mans aber unbedingt machen zu müssen meint, sollte es wie Play Music klingen. Genau so.

GOLDEN SILVERS
True Romance
XL Recordings / Beggars Group / Indigo

Nichts gegen die Musik, aber während der zwei Wochen, die dieses Album auf meinem Schreibtisch lag, kamen unabhängig voneinander unser schwuler Marketingpraktikant und unser nichtschwuler Marketingpraktikant und der Typ, der mir Boschstaubsauger “zu Supersonderkonditionen” andrehen wollte, tatschten sie an und sagten, das müsse unbedingt(!!) das Cover des Monats werden. Diese CD ist ein Scheißer-Magnet. Verschifft zehntausend Stück davon an den Rand der Welt, werft sie runter und seht zu, wie alle bösen oberflächlichen Menschen ihr in die Tiefe nachfolgen – wie Lemminge – und alles wird gut. Wie, die Welt ist keine Scheibe? Verdammt.

PATRICK WOLF
The Bachelor
Bloody Chamer Music

Wenn ihr euch das noch schnell kaufen wollt, bevors keine CDs mehr gibt: Das ist der erste Teil eines Albums, das ursprünglich ein Doppelalbum war, aber jetzt als Einzelalbum rauskommt, gefolgt von einem zweiten Einzelalbum, das 2010 erscheint, aber am Besten wärs natürlich, ihr geduldet euch, dann könnt ihr 2011 beide Einzeldoppelalben als Doppel-Doppelalbum kaufen – oder jetzt ein Einzel- und 2011 ein Doppelalbum, nur habt ihr dann eines der Einzelalben zweimal: Einmal als Einzelalbum und einmal als Doppelalbum. Macht das Sinn? Sonst könnt ihr auch einfach ein Eis gehen essen oder so.

TOM THIEL
Tom Thiel
Shitkatapult

Bei den ersten Tönen erschien mir Steve Roche; dieser Typ, der in Achtzigern Eso-Soundscapes machte. Der, dessen Frau für die heilende positive Wirkung von Pferden schwärmt. Auf seiner Ranch. Oder so. Er sagte: In den Neunzigern wird es in Berlin ein Duo namens Sun Electric geben, die etwas namens Ambient House erfinden werden, und einer von ihnen, Tom Thiel, wird 2011 sein erstes Solowerk vorlegen, und es wird sein, als ob keinerlei Zeit vergangen ist und der Kreis wird sich schließen. – Das ist schon geschehen, sagte ich, aber was bedeutet das? – Ich weiß es nicht, sagte Roche, aber Pferde sind gut für dich.

THOSE DANCING DAYS
Daydreams and Nightmares
Wichita / Cooperative Music

Ich hatte zu diesem schwedischen Girl-Indie-Pop nichts zu sagen, was nicht rassistisch UND sexistisch gewesen wär, also spielte ich sie einem Freund vor, der Schwedinnen und so prinzipiell gut findet, der aber zu TDD auch nichts zu sagen hatte. Also ist das Album politisch korrekt nach Abstimmung von zwei Personen (weiß/weiblich, weiß/männlich) absolut nicht der Rede wert. Ich muss allerdings noch mindestens einen Schwarzen  reinhören lassen, bevor ich sie wirklich gerecht werten kann. Ich melde mich nächsten Monat.

SEA OF BEAS
Songs for the Ravens
Heavely Recordings / Cooperative Music

Ich kann mit Those Dancing Days irgendwie noch nicht abschließen. Ich frage mich wirklich, warum ich sie darauf reduziere, dass sie blonde Indie-Pop-Schwedinnen sind. Bin ich ein schlechter Mensch? Warum mache ich sie so fertig? Auch wenn ihre CD scheiße ist, sie sind Menschen. Menschen mit Gefühlen. Sie können ja nichts dafür, dass ich nicht auf Indiepop stehe. Ich finde, jeder sollte sich die Zeit nehmen, sich seine eigene Meinung zu ihnen zu bilden, statt einfach nachzuäffen, was in irgendeinem Magazin steht. Und das gilt für euch alle, dich, dich, und auch für dich! Lasst euch nicht die Meinung von Fremden diktieren!

MAUD
S/T
Ampire Records

Oh, jetzt hab ich garnichts über Sea of Bees gesagt. Sea of Bees ist so’ne Singer-Songwritertussi, wies sie wie Sand am Meer gibt. Those Dancing Days hingegen sind einmalig. 5 blutjunge blonde Schwedinnen, schon vor ihrem Abitur international erfolgreich. Jetzt das zweite Album. Lupenreiner Indiepop, nicht ganz so spannend wie die erste EP, aber insgesamt trotzdem der absolute Hammer. Wenn nicht sogar die CD des Jahres!

WE ARE THE LILIES
S/T
Third Side Records / Cooperative

Es tut mir leid, ich muss noch ein einziges mal auf Those Dancing Days zurückkommen. Ich hab nachgesehen: sie sind nicht blond, sondern brünett. Und ich hab sie in der Maud-Review vielleicht ein bisschen überbewertet. Das passiert. Ich meine, manchmal hört man eine CD und sie knallt einen total weg und mit etwas Abstand merkt man, dass sie schon gut, aber eben doch nicht so DER Burner ist. Sondern, sagen wir, ganz ok. Allerdings läuft man, wenn man sich daran gewöhnt und immer davon ausgeht, dass das erste Weggeknallt-Sein vergänglich ist, in Gefahr, alles immer nur “ganz ok” zu finden. Das wäre aber absolut falsch. Wie man am Beispiel von Those Dancing Days sehr gut sehen kann.

STEFFI
Yours&Mine
Ostgut Ton

Mist, ich habe Maud und We Are The Lilies garnicht besprochen. Ich fand die aber ganz ok. Steffi hör ich mir nachher an. Ich wollte nur kurz anmerken – Those Dancing Days – also – Those Dancing Days. Langt, oder?

OLSEN AND THE HURLEY SEA
S/T
YNFND Records

Gestern geschah etwas sehr Merkwürdiges. Ich hatte diese CD einmal angehört, unter “mittelmäßige Singersongerwriterpisse” abgelegt und weggelegt. Doch dann wachte ich mitten in der Nacht auf. Eine merkwürdige Regung hatte mein Herz ergriffen: ich hatte das Bedürfnis, sie noch mal anzuhören. Nach all den Jahren des Hasses gegen alle bärtigen Typen mit Akustikgitarren. Hatte ich etwas übersehen? Hatte ich doch noch Gefühle, verborgen unter einer dicken Schicht Promo-CDs? Ich suchte sie raus, legte sie ein (mit zitternden Händen) und lauschte. Sie war immer noch kacke. So kann man sich irren.

(c) Juliane Liebert 2007 – 2011
zuerst veröffentlicht in VICE