Bobby Conn ist doch nicht der Antichrist

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Bobby Conn ist ein kleiner Superstar. „Klein“, weil er es in Deutschland, außer in einer kurzen Zeitspanne, in der er mal auf Viva 2 hoch und runter lief (in einem roten Trainingsanzug, der Song hieß „Never get ahead“) nie zu besonderer Bekanntheit gebracht hat. „Superstar“, weil er das Genie, den Gestus und den Größenwahn eines Superstars hat. Ich liebe Bobby Conn, seit ich 16 bin. Ich mag alle seine Alben (bis auf das letzte, das habe ich mir aus Paranoia bisher nicht angehört). Er ist älter geworden, ich bin älter geworden. Es hat sich herausgestellt, dass er doch nicht der Antichrist ist (was er lange Zeit glaubte). Er lügt in Interviews vermutlich immer noch die Hälfte der Zeit, aber ich liebe ihn trotzdem. Meine Damen und Herren, hier ist—Bobby Conn!

Bobby Conn: Also, hast du Fragen? Ich habe Antworten!

Noisey: Sehr gut! In deiner Email hast du geschrieben, ich soll nichts über die Zukunft fragen, sondern nur über Vergangenes. Warum?
Oh! Ich frag mich, warum ich das gesagt habe. Ich habe keine Ahnung, warum ich so was sagen sollte. Ich denke…ich denke, es war, weil du mich vor der Show interviewen wolltest, und vor der Show hab ich keine Ahnung, ob sie gut werden wird. Ich hab keine Lust, vor der Show mit jemandem zu reden, weil am Ende wird die Show total beschissen, und dann bist du peinlich berührt, so „ich hab dieses verdammte Arschloch interviewt, das die ganze Zeit erzählte, was für ein großartiger Typ er ist, und dann war’s total lahm…”

Sind viele deiner Shows beschissen?
Weißt du, für einen Mann mit meinem geringen Selbstwertgefühl, überraschenderweise nicht…die meisten sind nicht sehr beschissen…

Du hast ein geringes Selbstwertgefühl?
Nun, ich quäle mich furchtbar, ja. Ich meine, natürlich, offensichtlich.

Warum „natürlich” und „offensichtlich”?
Sehe ich nicht gequält aus?

Nö.
Ich schwitze, weil ich so nervös bin. Ich bin gerade wahnsinnig nervös.

So sehen Musiker nach Shows immer aus.
…Oh. Ich dachte immer, sie wären nervös. Nein, ich bin mit dem Besorgtsein längst durch.

Wann hast du damit aufgehört?
Als ich 40 geworden bin. Und jetzt, wo ich 46 bin, bin ich sechsmal weniger besorgt. Ich meine, es gibt niemals wirkliche Gründe. Aber, weißt du, ich kann mir immer noch keinen Bart wachsen lassen. Ich kann so kleine Flecken kriegen, aber, ich bin noch nicht durch die Pubertät durch, und ich warte, jedes einzelne Jahr, vielleicht kommt sie, wenn ich 50 bin. Ich meine, ich habe Ewigkeiten gebraucht, um so was wie ein Erwachsener zu werden. Ich fühl mich gerade mal wie 25.

Ich bin 25.
Na, dann sind wir gleich.

Ich krieg das mit dem Bart auch nicht hin. Aber du bist auch viel kleiner, als ich dich mir vorgestellt hätte.
Oh, echt? Das ist großartig. Du hast dir mich also größer vorgestellt, als ich bin.

Haben kleine Männer immer Egoprobleme?
Keine Ahnung, aber ich fühle mich anderen kleinen Männern verbunden. Wie Prince.

Prince war klein?
Er war WINZIG. Tom Cruise.

Tom Cruise zählt nicht, man sieht von weitem, dass er ein Egoproblem hat.
Tom Cruise und ich haben Parallelleben. Ich bin so was wie der Anti-Cruise. Wie in den Harry Potter-Büchern. Wie bei Voldemort und Harry Potter. Es ist ein kleines bisschen Voldemort in Harry Potter und umgedreht. So geht es mir mit Tom Cruise.

Geht es ihm auch so?
Ich glaube, es ist ihm nicht klar. Er hat viel um die Ohren, du weißt, diese Scientology-Sachen. Aber wir hatten im selben Jahr ein Baby, und seine Tochter wurde mit vollen Haaren geboren, was sehr ungewöhnlich ist, und unsere Tochter sieht EXAKT genauso aus.

Sehen nicht ALLE Babies genau gleich aus?
Nein. Gar nicht. Ich hab inzwischen eine Menge Babies gesehen, jetzt, wo ich Vater bin. Das ist der Nachteil daran, Vater zu sein: Kinder…haben Freunde. Und diese Freunde sind im Allgemeinen…Kinder. Also siehst du eine Menge…Kinder. Ich meine, du liebst deine eigenen, aber dann gibt es da noch die…anderen. Jedenfalls, sie sind alle verschieden. So. Frag mich was anderes. Los!

Was sind die drei Dinge, an die du am häufigsten denkst?
Boah. So abstrakt!!

So abstrakt ist das garnicht. An einem normalen Tag, an der Bushaltestelle, woran denkst du?
Hm…heute morgen. Ob ich heute Abend wirklich singen können werde, denn ich bin erkältet. Ob ich genug geschlafen habe. Was es zum Mittagessen gibt. Das mag ich am Touren, alles, worüber du dir Gedanken machen musst, ist sehr einfach. Wie komme ich rechtzeitig zum Venue? Werd ich genug Essen haben? Werd ich mich verlaufen? Auf Tour ist es die ganze Zeit nur so, zackzackzack, und dann kommst du zurück und niemand gibt einen Scheiß auf dich. Darum fange ich meistens direkt wieder an zu arbeiten, wenn ich von Tour komme.

Du hast einen Job?
Ich arbeite als Kunsthändler.

Du verkaufst Damien Hirst?
Ja! Ja! Ich habe im Laufe der Jahre eine Menge Damien Hirsts verkauft. Fihuring out the mejistics von sehr teurer Kunst für sehr wohlhabende Leute. Das mache ich.

Warum?
Warum? Weil ich das Geld brauche! Darum arbeiten alle, oder? (singt) I can’t count the money, I can’t count the money. Nein, es macht Spaß. In Amerika brauchst du eine Krankenversicherung, und wenn du Kinder hast, brauchst du WIRKLICH eine Krankenversicherung. Also musst du das Ding am Laufen halten. Aber es ist cool, es erlaubt mir, Platten zu machen. Ich habe in den letzten Jahren mit einer Menge Sachen jongliert, es ist verrückt.

Ich habe mir heute deine Alben nochmal angehört, und es gibt eine Menge Songs darüber, nicht erwachsen zu werden. Songs wie “No kids no money” und so, und jetzt, naja, bist du erwachsen und hast Kinder. Wie konnte das passieren?
Nun, die Zeit erledigt das für dich. Ein unglückliches Nebenprodukt des Überlebens. Fortpflanzung zählt für ne Menge Leute dazu. Es ist merkwürdig, wenn du mir mit 21 gesagt hättest, dass ich, wenn ich 46 bin, ein Haus besitzen und eine Honda fahren und zwei Kinder haben würde, hätte ich gesagt: (schreit) FUUUUUUUCK YOOOOOOOUUU. FUCK. WAAAAS?
(erschrockene Stille)
Das ist…die Realität.

…Und es gibt keinen Weg, zu entkommen?
Das ist der Punkt. Es ist tatsächlich großartig. Es ist verdammt großartig.

Ich habe schon befürchtet, dass du das sagen würdest.
Warum? Macht dir das Sorgen? Denkst du an dein eigenes Leben? Weil du 25 bist? Schaust du in die Zukunft und denkst: OH MEIN GOTT. ICH WILL DAS NICHT. AAAAAAAHAAAAAHAAAAAAAAA. ICH WILL KEIN HAUS UND KEINE KINDER. AAAAAAAAH? Du kannst es auch anders machen. Eine Entscheidung muss kein Kompromiss sein, es ist nur eine Entscheidung. Als ich 21 war, habe ich die Entscheidungen anderer Leute sehr hart beurteilt, aber jetzt, jetzt ist es einfacher. Ich bin nicht auf der Seite der Hater. Worüber machst du dir Sorgen?

Ich mache mir um mich keine Sorgen, aber meine Freunde werfen gerade alle, und vor allem die Mädchen verwandeln sich in Ja, mein Mann arbeitet Vollzeit, oh, schau mal es hat gekackt, wie süß!“-Zombies. Sie reden nur über Kinder und treffen sich nur mit Menschen mit Kindern und…
Ja. Da ist der Grund, warum ich Bobbys Faceplace entwickelt habe. Auf meiner Website. Kennst du das? Hast du dir meine Website angesehen?

Klar.
Du hast sie dir nie angesehen. Jedenfalls, Bobbys Faceplace. Es ist ein neues Anti-Social-Network. In Bobbys Faceplace sind die Leute nicht danach sortiert, ob sie deine Freunde sind oder nicht, sondern nach Persönlichkeitstypen. Und der Persönlichkeitstyp, den du beschreibst, gehört in die Kategorie LANGWEILIG. Du weißt, diese Leute, die auf Facebook gehen und Fotos von ihrem Essen posten? Es ist einfach verdammt langweilig. Ich meine, es wär was anderes, wenn es interessantes Essen wäre, aber meistens ist es einfach nur ein Sandwich. Oder Leute, die Fotos von ihren Haustieren machen. Oder ihren Kindern. Oder die Sachen posten wie: „Ich möchte nur sagen, dass mein Ehemann der großartigste Mensch auf der Welt ist.”. WEN INTERESSIERT DAS SCHEISSE NOCHMAL? Es macht mich krank. Also, das ist „Langweilig”. Deine Freunde gehören also in die Kategorie „Langweilig”.

Ey.
Langweilig!

Nein! Das Problem ist, sie waren normal, und dann haben sie Kinder gekriegt, und dann…
…wurden sie LANGWEILIG. Die Kinder sind nicht das Problem. Das hängt nicht miteinander zusammen. Man kann auch cool bleiben. Oder man kann die langweiligen Teile des Kinderhabens für sich behalten.

Du denkst also, man kann Kinder haben, ohne sich in einen Zombie zu verwandeln.
JA! Absolut.

Und Bobby’s Place ist sowas wie Facebook, nur für langweilige Menschen.
NEIN. Das ist nur eine Kategorie. Es gibt noch viel mehr. Es gibt COMPLAINING, für Leute, die sich gerne beschweren. Es gibt MY OWN SHIT, für Leute, die nur über ihren eigenen Scheiß reden. Die ganze Zeit. Das ist der Ort für sie! Es gibt eine Kategorie namens ASSHOLES für Leute, die einfach totale Arschlöcher sind. Es gibt PARANOID RANTING für all deine Freunde, die an Verschwörungstheorien und sowas glauben. Für Leute, die in einer schicken Welt leben und denken, sie seien Superhelden, und von Celebreties und so was besessen sind, gibt es eine Kategorie. Es gibt SEX für Leute, die die ganze Zeit über Sex reden, und es gibt eine für Leute, die Vocoder Musik lieben. Wenn du einmal in einer Kategorie bist, bleibst du da für immer.

Ich kann also nicht in SEX und PARANOID RANTING gleichzeitig sein?
Nein. Wenn ich entscheide, dass du eher jemand bist, der rumheult, als ein Arschloch, nehme ich dich aus ASSHOLES raus und tu dich zu COMPLAINING. Wenn ich finde, dass du langweilig bist, tu ich dich in LANGWEILIG. Und da bleibst du dann.

Dann ist VOCODER MUSIC der letzte Ausweg?
Ja. Dafür wurde das Internet geschaffen: Nicht, um Leute zusammen zu führen, sondern um sie voneinander zu TRENNEN. Bobby’s Place bringt das auf ein neues Level.

Du hast mal gesagt, dass du vielleicht ein guter Balladen-Sänger werden würdest, wenn du 50 bist.
JA! Noch 4 Jahre! Dann mache ich nur noch Balladen. Ich liebe deutschen Schlager. Und diese ganzen TV-Shows, wo so ein Typ ist, der aussieht wie aus Wachs und mit Selbstbräuner zugekleistert ist, und einen mintgrünen Anzug trägt, und dann singt er, und dann ist da ein Publikum, das nur aus über 70-Jährigen besteht, und sie klatschen langsam im Takt, KLAPP KLAPP KLAPP KLAPP. Ich würde es lieben, dieser Typ zu sein. Das wäre sooo großartig.

Wie hast du herausgefunden, dass du doch nicht der Antichrist bist?
Ich dachte, so um die Jahrtausendwende herum würde was passieren, ich würde meine wahre Kraft erhalten etc etc, aber irgendwie ist das nicht passiert.

Warst du traurig darüber?
Ich war ein bisschen enttäuscht. Muss ich sagen. Genau genommen geht es beständig bergab, seit ich herausgefunden habe, dass ich nicht der Antichrist bin. Muss ich zugeben.

Wenn du sagst, dass Tom Cruise dein Voldemort ist…hast du Feinde?
(hustet theatralisch) Nicht so viele, wie ich gerne hätte. Nicht so viele, wie ich gerne hätte. Ich habe eine Liste von Leuten, von denen ich wünschte, sie wären meine Feinde. Aber sie haben sich nicht die Mühe gemacht, mich zum Feind zu erklären. Aber falls ich morgen ermordet werde, kannst du dich an diese Unterhaltung erinnern, und ein bisschen recherchieren und herausfinden, dass Bobby doch Feinde hatte. Es war ihm nur nicht klar, es könnte jemand in diesem Raum sein. (langsames Lachen, das in Husten übergeht).

Bist du paranoid?
Oh ja! Mein Sohn hat ein Eichhörnchen im Hinterhof gesehen, von dem er glaubte, dass es Läuse hatte. Und dann dachte er tagelang, er hätte auch welche. Ich erklärte ihm: Du kannst keine Läuse davon kriegen, dass du ein Eichhörnchen ANSCHAUST. Aber tief in mir wusste ich GENAU, wie es ihm ging. Ich war von 6 bis 22 ÜBERZEUGT davon, dass ich Krebs habe. Als ich dann von Aids hörte, war ich mir sicher, dass ich Aids hatte. Ich bin mir sicher, dass ich einen Herzinfarkt haben werde, das Boot sinken wird, das Flugzeug abstürzen wird, das Auto crashen, dass die Leute heimlich über mich lachen—so wie du das gerade tust…lachst du mich aus??? DU LACHST MICH AUS!! UND DAS MACHT MICH PARANOID. Also…ja, ich bin paranoid.

Ich habe als Sechsjährige eine Sendung gesehen, über eine Krankheit, bei der deine Gelenke unbegrenzt biegsam sind. Ich habe danach jahrelang versucht, meine Ellenbogen so wenig wie möglich zu bewegen.
JA!! Man weiß nie!!!!

(c) Juliane Liebert 2013, Fotos: Christoph Voy

erschienen auf noisey.com