Happy End

Eva sagte, man könne sich online beim Geheimdienst bewerben, aber Sam hatte längst andere Pläne. Sie hatten seit Tagen das Haus nicht verlassen, beinahe alle Clint Eastwood Filme gesehen, rumgemacht, zweimal True Romance angefangen (aber zweimal das Ende verpasst) und nahmen sich jetzt nach und nach den Rest der DVD-Sammlung vor. Die Zeit hatte vor einigen Stunden endgültig klein beigegeben, und sie hatten vor, bis in alle Ewigkeit im Wohnzimmer zu bleiben. Sie konnten später nicht sagen, wie sie schließlich auf andere Ideen kamen. War es, weil Eva, während Clint irgendeinen Ganoven verprügelte und Sam sie zu lecken versuchte, trotz der Schmerzensschreie mittendrin einschlief? War es, weil ihnen der Eistee ausgegangen war, vor Tagen, vielleicht Wochen? Oder weil Sam anfing, sich wie Clint Eastwood zu bewegen, wie Clint Eastwood zu sprechen, und Eva begann, in die Vasen ihrer Eltern zu pissen, um nicht mehr raus ins Bad zu müssen? Etwas musste geschehen. Die Hose noch in den Knien schlug sie vor, Clint zu beseitigen.

Das war nur Plan C, doch der erste Schritt zur Besserung. Ihr Erfahrungsschatz umfasste inzwischen ein gutes Dutzend Filme über Menschen, die unter ihren derzeitigen Umständen sehr, sehr langsam den Verstand verloren, bis sie sich gegenseitig die Haut abzogen und später geschält und Blut suppend aufgefunden wurden, menschliche Senfgurken, Lichtreflexe auf den im Todeskampf in den Schädel gedrehten Augäpfeln. Meistens waren die entsprechenden Räume abgedunkelt und der Kontrast etwas hochgedreht. In ihrem Fall kam es anders.

Sie hatten Old Boy achtmal gesehen, Natural Born Killers siebenmal und Mulholland Drive zweimal (aber beide Male das Ende verpasst), anders gesagt: For a few Dollars more rettete sie vor dem Wahnsinn. Denn als sie ihn zum 21. Mal sahen, verstanden sie, dass sie einfach ihr Leben in den Dienst einer höheren Sache stellen mussten, damit alles gut würde. Es gab nur einige kleinere Probleme in der Durchführung: sie waren erst zwölf, hatten ihren Eltern versprochen, das Haus nicht zu verlassen, und sie besaßen keinen Poncho. Also beschlossen sie, selbst einen Film zu drehen. Das war Plan B.

Wichtig ist, sagte Sam, dass ununterbrochen gekotzt und Randgruppen hingerichtet werden, dann ist es lustiger. Sie waren zu zweit, und Eva wollte weder hingerichtet werden noch öfter als unbedingt notwendig kotzen, aber sie widersprach nicht. Sie bot sich als Kamerafrau an.

Nach einigen Diskussionen stellten sie eine Liste auf

Plan A) Einen Film drehen, in dem ununtergebrochen gekotzt und Randgruppenmitglieder abgeschlachtet werden. (Sams Vorschlag)

Plan B) Einen Film über ihr späteres sehr angenehmes Leben im Dienste einer guten Sache drehen. (Evas Vorschlag)

Plan C) Clint Eastwood töten.

Sie gingen der Reihe nach vor.

Gegen vier Uhr nachts schalteten sie erstmals seit einer Woche den Fernseher aus und verfassten das Drehbuch.

Gegen sieben Uhr morgens begannen sie mit dem Üben der Szene, in der Sam seine Bravourrolle als kotzender unterdrückter Scharfrichter geben sollte. (Später würde es heißen: der unerreichbare Höhepunkt der Ein-Personen-Comedy, DAS DINNER FOR ONE DER MODERNE, nahm er an.)

Gegen drei Uhr nachmittags wären sie soweit gewesen, mit dem Dreh zu beginnen, aber die Kamera lag im Hobbykeller. Das war definitiv zu weit weg. Sie schalteten den Fernseher wieder ein und beschlossen, es doch mit Eastwood zu versuchen.

Clint Eastwood war zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile nicht mehr einen Meter 92 groß, sondern schätzungsweise nur noch maximal zehn Zentimeter größer als Sam, weißhaarig und mit seinen 79 Jahren vorallem unbeschreiblich alt. Als sie sein Geburtsdatum nachsahen, kicherten sie vor Triumpf. Neunundsiebzig. Das sollte kein Problem sein. Außerdem hatte er vier Oscars. Sam fragte sich, ob die Oscars nach Clints Ableben auf ihn übergehen würden. Er sprach mit seiner Dokumentarfilmerstimme vor sich hin: SAM HERZOG BEGANN SEINE KARRIERE IM ALTER VON ZWÖLF JAHREN MIT VIER OSCARS. Klang gut. Sie überlegten lange und fanden diesmal nur eine einzige Schwierigkeit: sie konnten das Wohnzimmer natürlich nicht extra verlassen, um Clint Eastwood abzumurksen. Der sollte mal schön herkommen.

Sie schrieben ihm eine Email. “Clint, wir sind große Fans. Wir möchten dich gerne kennenlernen und laden dich hiermit in die Bolberstraße 27 zum Mittagsessen ein. Komm doch vorbei. Wir haben keine bösen Absichten. Eva + Sam.” Sie warteten zwei Wochen. Erst gelassen, dann zunehmend frustriert. Nichts. Sie sahen alle 217 Folgen von Rawhide. Nichts. Eva spähte immer, wenn sie die Vasen in den Hinterhof ausleerte, vorsichtig in Richtung des Gartenzaunes, aber Clint ließ auf sich warten.

“Wir haben etwas übersehen,” erkannte Sam am 21. Tag des fruchtlosen Wartens. “Es gibt zwei gute Gründe, warum er nicht kommt.” – “Und zwar?” erwiderte Eva. – “Erstens und wichtigstens,” führte er aus, “weil wir keine Waffe haben. Clint würde sich nie einem wehrlosen Gegner stellen.” – “Dann müssen wir es ihm sagen.” sagte Eva. Sie schrieben also noch eine Email. “Clint, keine Angst, du kannst ruhig kommen. Bolberstraße 27. Wir haben Waffen. Herzlich, Eva + Sam”. Die Antwort blieb aus. “Und was war der zweite gute Grund?”, hakte Eva nach.

Der zweite gute Grund war, dass sich der namenlose Amerikaner nur mit ebenbürtigen Gegnern abgab. Geld hatten sie ja keines. “Dann müssen wir doch zu ihm gehen und ihm von unserem Können überzeugen, damit wir ihm dann hier auflauern können”, schlug Eva vor. – “Nein,” entgegnete Sam, “ich gehe. Einer von uns muss hierbleiben, falls er doch noch kommt. wir dürfen keine Möglichkeit außer acht lassen.” – “Okay,” sagte Eva. “Dann beeil dich, ich warte hier. Und bring Eistee mit.”

Sie wartete acht Jahre auf Sams Rückkehr. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es einem Verbrecher gehen musste, der eingesperrt war, aber vor seiner Gefangenname noch seine Beute versteckt hat und weiß: sobald er freikommt, ist er reich. Dieser Trost genügte ihr. Was verpasste sie schon? Sie sah im Fernsehen und auf Facebook, wie das wirkliche Leben aussah. Man ging irgendwohin, betrank sich, man verdiente Geld und gab es aus, verdiente wieder welches und gab es wieder aus, Ergebnis: plus minus null und eine Menge Ärger. Sie verkaufte im Laufe der Jahre fast die gesamte Einrichtung auf Ebay. Sie bestellte in dieser Zeit fast zweitausend Pizzen. Sie stellte sich vor, sie habe die Zeitmaschine erfunden, benutze sie aber nur, um zu den Uraufführungen berühmter Filme zu gehen, weil alles andere zu gefährlich wäre. Sie schrieb zwei passable Romane. Sam kam nicht wieder. Sie vergaß, auf die Geräusche von draußen zu achten. Darum bemerkte sie Clint Eastwood erst, als er schon im Zimmer stand.

Der Raum war abgedunkelt, trotzdem war sein Schatten wie gezirkelt. Die Kontraste etwas schärfer als gewöhnlich. Clints Haar war das weißeste, was sie seit Jahren gesehen hatte. Er sagte keinen Ton, natürlich nicht, sondern schritt zum Fenster und öffnete es. Sie fiel ob der unerwarteten Sauerstoffzufuhr fast in Ohnmacht. Als ihre Beine nachgaben, fing er sie auf, legte sie auf die Couch, neben dem Fernseher das einzige Möbelstück, das es noch gab, setzte sich neben sie und zündete eine Zigarre an. Davon abgesehen gönnte er ihr keinen Blick. Er griff nach der Fernbedienung und stellte den Fernseher an.

Der Warner-Löwe brüllte, Morricone pfiff. Die Filmwüste war sehr orange und der Filmhimmel sehr blau. Irgendwo schoss jemand, und dann ritt der junge Eastwood ins Bild. Neben ihr beugte sich Clint kaum merklich vor, sie merkte es nur daran, dass die Couch leicht nachgab. Er drückte Pause. Der junge Eastwood und der alte Eastwood starrten sich an. Es herrschte Stille. Weder das alte noch das Filmgesicht zeigten die geringste Regung; sie starrten Minuten lang, die ihr länger vorkamen als die Jahre des Wartens. Dann sah der junge Eastwood beiseite. Clint drückte Play oder hatte Play gedrückt. Der Film lief weiter.

“Wo ist dein Freund?” Die Frage kam unvermittelt. “Wir waren verabredet.” – “Nicht da”, erwiderte sie brüsk. “Sie sind zu spät.” Fast schien es, als würde sein einer Mundwinkel ein wenig zucken. “Das stimmt nicht,” sagte er. “Beides nicht. Willst du sehen, was für einen Dreck sie heute drehen?” Er wechselte das Programm.

Eine andere Wüste, ein anderer Himmel klappten auf. Vor lauter CGI-Staubwolken sah man den Reiter fast nicht, der sich von rechts näherte. Komischerweise erkannte sie ihn schon von Weitem. Es war Sam.

Er ritt durch seine CGI-Sanddünen auf sie und Clint Eastwood zu. Ihre beiden Gesichter spiegelten sich im Bildschirm, das Pferd stapfte mitten durch sie hindurch. Als Sam genau in der Mitte des Screens war, brachte er es zum Stehen. Der gefilmte Sam und der echte Eastwood starrten sich an. Mit einem halben Auge nahm sie wahr, wie Sams Finger sich der Pistole an seinem Gürtel näherten. Wer würde sein Gegner sein? Indianer? Verbrecher? Morricone pfiff. Ob Sam sie sehen konnte? Sie wollte ihn gerade rufen, als seine Hand sich um den Pistolengriff schloss. Zwei Schüsse fielen. Der Bildschirm zersplitterte. Noch bevor sich ihre Augen an das Flackern der Drähte gewöhnt hatten, war Eastwoods Waffe wieder im Gürtel.

“Steh auf,” befahl er ihr. Sie zitterte. Er zündete sich die nächste an dem funkensprühenden Fernseherrest an. “Du hast nichts dagegen, wenn ich die Couch mitnehme, oder?” Es war keine Frage. “Schön. Dann hilf mir mal Tragen.”

Zum ersten Mal, seitdem sie vor achteinhalb Jahren mit Sam zuerst The Good, the Evil and the Ugly gesehen hatte, verließ sie das Wohnzimmer. Gemeinsam schleppten sie die alte, dreckige Couch vors Haus in Eastwoods glänzendes Auto. Er nickte ihr zu, drehte den Zündschlüssel und fuhr. Alles war grau. Kein Technicolor für die Realität. Sie ging zurück in das leere Haus.

“Sorry,” begrüßte Sam sie, “ich hab verloren. Er war einfach zu schnell.” – “Kein Problem. Nur, er hat die Couch mitgenommen. Und den Fernseher zerschossen.” Sie betrachteten traurig den demolierten Fernseher. “Naja, wir hätten uns nicht mit ihm anlegen sollen.” seufzte er. Sie gab ihm recht.

Sam nahm einen Edding und zog eine Umrisslinie, wo das Sofa gewesen war. Sie setzen sich nebeneinander auf den Boden. Sie nahm ihren Rechner auf die Knie, während er die DVDs durchsuchte. Sie sahen sich das Ende von True Romance an. Sie sahen sich das Ende von Mulholland Drive an. Sie bemerkten, dass sie ihr Leben lang immer noch nichts im Dienst einer höheren Sache getan hatten. Nichts Gutes, nichts Böses, nichts. Sie verbrannten ihr altes Filmskript. Dann setzten sie eine Bewerbung an den Geheimdienst auf:

“Hallo Geheimdienst”, schrieben sie, “wir wollen bei euch mitmachen. Wir brauchen keine Qualifikation. Wir sind zutiefst loyal und immer auf der Seite der Gerechtigkeit. Eva + Sam”

Dann schlossen sie ab, traten durch den Garten auf die Straße und wurden gut.

© Juliane Liebert, 2009
veröffentlicht in Vice v5n12