Mark E. Smith

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Diese Unterhaltung mit Mark E. Smith, dem Sänger von The Fall und mit Abstand nettesten Typen, der je eine Journalistin geohrfeigt hat, begann in der Lobby seines Hotels und endete an der Minibar seines Hotelzimmers. Sie wurde geführt von Mark E, der Autorin und einem Kerl namens Stas Mankovich, von dem keiner der Anwesenden (am wenigsten er selbst) so recht wusste, was er da eigentlich sollte, der aber im Endeffekt die ganze Arbeit machte. Zum besseren Verständnis des Gesprächs solltet ihr euch betrinken, denn es wurde zunehmend betrunken geführt.

Juliane Liebert: … also. Wie heißt du nochmal?

Mark E. Smith: Ehm, Mark.

J.: Hi Mark. Juliane. Wie geht es dir?

OK eigentlich. War vorher ziemlich gestresst. Musste vorhin SPEX machen.

J.: Oh.

Schrecklich.

J.: Sehr intellektuelle Fragen wahrscheinlich.

Ja. Ich verstehe die einfach nicht.

J.: Tut niemand.

Ich meine, wovon zur Hölle reden die?

J.: Keine Ahnung. Wer hat dich interviewt?

Don Dax. (Anm. d. Red.: sic)

Stas Mankovich: Mark, im April kommt ein neues Album raus.

Hm.

S.: Es hat fast dasselbe Lineup…

Yeah.

S: … wie das letzte.

Yeah.

S.: Du wirst sicher oft nach dem ständig wechselnden Lineup-Kram gefragt …

Yeah, yeah, yeah, yeah.

S.:… also, wie kommt es, dass die Typen es diesmal so lange mit dir aushalten?

(Lacht) …. ich weiß nicht, ich glaube, es hat damit zu tun, dass sie viel jünger sind als ich. Siebenundzwanzig, achtundzwanzig. Ich denke, es funktioniert, weil sie sehr anders sind als ich. Ganz anderer Geschmack.

S.: Du meinst musikalisch? Was hören sie?

Augenblick, wie hießen die nochmal.. Napalm Death.

S.: Das ist doch überhaupt nicht dein Ding.

(Lacht) Nicht wirklich, nein, neinnein.

S.: Ich hatte immer den Eindruck, dass Levitate Drum’n’bass-Einflüsse hat, und Fall Heads Roll war dieses harte, beinahe metal-mäßige Zeug. Hörst du dir die Sachen, die gerade so rauskommen, überhaupt noch an?

Nun, ich versuchs. Ich mag nicht viel davon, ich habs versucht, aber … ich fand immer, dass das der Grund ist, warum The Fall überhaupt noch existiert.

S.: Sind The Fall poppiger geworden?

Ein bisschen, ja. Es kommen viele junge Leute.. und weniger Studenten als je zuvor. Aber es läuft gut, weißt du, vor zehn Jahren war das anders. The Fall waren nie eine Do It Yourself-Band. Ich denke, die Journalisten haben sich das ausgedacht. Wir sind einfach wir selbst, weißt du. Es ist so, die Leute sagen “every fucker can do it”, weißt du… aber wir haben Ansprüche. Es ist sehr schwer, die Ansprüche hoch zu halten, schwer, ein gutes Studio zu finden. Nein wirklich, wirklich, weißt du, sie werden alle auf dgital umgestellt, eh, CDs und all sowas. Es ist wirklich schwierig, weißt du.

S.: Im Übrigen habe ich bisher noch gar nicht bemerkt, dass du Journalisten hasst.

Nein, nein, überhaupt nicht. Ich meine, ich bin nicht sehr nett, das ist einfach so. Ich halte nichts von der Scheiße, die Journalisten üblicherweise verzapfen. Ich habe eine ziemlich schlechte Erfahrung gemacht… du weißt schon, “SCHLECHT”. Es ging um Eichhörnchen. Es war im Mojo Magazine [scheinbar war es eher das Uncut Magazine] oder sowas. Der Typ redete die ganze Zeit davon, dass er Möwen tötete, oder dass sein Vater Möwen tötete. Also sagte ich: “Na und, ich töte ab und zu Eichhörnchen”. Als Nächstes war es plötzlich weltweit in den Nachrichten. Es war auf dem Titel der Swedish Times, weißt du. Es war im Guardian und in der Times, kannst du dir das vorstellen? Um ehrlich zu sein, ich habe eine Entschädigung bekommen. 20.000 Pounds. Aber trotzdem… Ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, weißt du. Ich bekam eine Todesdrohung. Viele Journalisten machen ihre Hausaufgaben nicht mehr, weißt du. Sie wiederholen, was sie im Internet lesen. Das ist das perfekte Beispiel. Wenn ich für die Times arbeiten würde und wollte eine Geschichte über einen Rockstar, der Eichhörnchen tötet, drucken, würde ich es verdammt nochmal erst nachprüfen. Nur weils im Internet steht, ist es noch nicht wahr.

S.: Es war offensichtlich ein Witz.

… ich hatte es einfach so satt. Ja, es war offensichtlich ein Witz.

S.: Hast du je ein Interview mit dir gelesen? Liest du sie?

Nein, nein.

S.: Natürlich tust du’s! Du hast doch gerade von dem Typ mit den Eichhörnchen erzählt.

Oh, yeah, nein, das war kein Interview, das war eine kurze Aufnahme, was ganz unten auf Seite drei…. Es gibt nicht viele Magazine in England. Es gibt Private Eye, und das wars. Der Rest sind Männermagazine. Du weißt schon, Schmutzblätter. Liest du sowas?

S.: Nein, nein.

(Lacht) Ich seh dir doch an, dass du sowas liest!

J: Ich fand es eigentlich lustig, die Interviews mit dir zu lesen. Musiker müssen nicht nett sein. Sie sind Musiker, nicht die Therapeuten der Presseleute, richtig?

Yeah, yeah yeah. Es ist trotzdem ziemlich selten. (Lacht) Ich denke, Journalisten sterben aus. In einem gewissen Sinne.

S.: Es gibt Interviews, wo du wirklich fiese Dinge über Bands wie Pavement gesagt hast. The Fall haben unfreiwillig eine Menge beschissene, talentlose Indiebands beeinflusst.

Yeah. Die Sache ist.. die Leute denken, wir sollten dafür dankbar sein. Zum Ersten finde ich nicht, dass es ein Kompliment ist. Es ist kein Kompliment. Nein, ich meine, The Smiths, ich hab sie gesehen, ich mag ein paar aus der Band. Aber ich finde es nicht schmeichelhaft. Keine Ahnung, was das mit The Fall zu tun haben soll. Und Pavement, das ist ein fauler Vergleich. Pavement waren ein Rip-off, yeah. Im Prinzip Note für Note.

S.: Es gab da diesen einen Song. Er war ein beinahe identisch mit einem Song von Grotesque, After the Gramme.

Yeah, yeah… Das passiert, aber es ist einfach ein Fakt…. wenn du den Unterschied zwischen sowas und The Fall nicht siehst, ist das nicht mein Problem.

S.: Ja, absolut, ich sehe den Unterschied. Aber die neue Popularität der Band beruht leider zu einem großen Teil auf faulen Vergleichen. “The Fall ist meine Lieblingsband, ich will klingen wie sie”. Viele hippe Kids hören plötzlich The Fall, ist es nicht merkwürdig?

Yeah, aber ich denke nicht, dass der Einfluss so groß ist. Ich fand gewöhnlich, dass die Bands aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln, sich überhaupt zu entwickeln. Es ist immer so “Wir haben uns neuorientiert, lass uns mehr wie The Fall sein”. (Lacht.) Es ist die letzte Ausflucht, weißt du.

S.: Es gibt also einen eindeutigen The Fall-Sound?

Hoffe ich doch, ja.

S.: Wenn es einen gibt, dann geht es dabei nur um dich.

Yeah, yeah, yeah. Wirklich… (nachdenklich) Vielleicht. Wollt ihr noch was trinken?

S.: Magst du das Publikum, vor dem ihr spielt?

Wo?

S.: Macht das einen Unterschied?

Nicht wirklich, nein. Wenn du losgehst und in London spielst, weißt du … und du sagst, es wäre anders … ich handhabe das überall gleich. Ich mache in der Maria das selbe, was ich im verdammten Glasgow oder in Eskimo machen würde.

S.: Hast du viel von Berlin gesehen?

Nah. Es ist echt weit weg.. naja, “weit”. Von Manchester ist es ein ganz schönes Stück. Hat einen verdammten Tag gedauert, herzukommen. Wir sind gestern gestartet, sechs Uhr morgens.

S.: Wie lange hat es gedauert, das neue Album aufzunehmen?

Eh.. Über sieben Monate. Aber ich, eh.. hab mir die Hüfte gebrochen.

J.: Schon wieder?

Yeah, yeah.

J.: Hat dich The Fall je gelangweilt?

Nun, dich?

J.: Ich hab nicht in The Fall gespielt.

Nein, ich meinte, hast du überlegt, etwas anderes zu machen?

J.: Sicher.

S.: ..als du mit The Fall anfingst, warst du im Prinzip noch ein Teenager.

Yeah.

J.: Wie alt warst du?

18? 17? Keine Ahnung. Du konntest nicht in der Musik arbeiten, also log ich, was mein Alter betraf. Ich sage immer, du weißt schon, ich hab mit 18 auf den Docks gearbeitet …jedenfalls, ich denke nicht darüber nach, weißt du. Ich weiß, wo ich stehe. Ich könnte Millionen verdienen. Es gibt eine Menge einfache Wege, eine Million zu verdienen, eh?

S.: Ey Mark, erinnerst du dich an diesen Film, 24 Hour Party People? In dem du diese kleine Rolle hattest? Ich hab ihn gesehen und, ehrlich gesagt, gehasst.

Oh, ich auch. Weißt du, worum es darin ging? Ich meine, es ging ja noch nichtmal um irgendwas.

S.: Wie kam es, dass du mitspieltest?

Waren ja nur ein paar Momente. (lacht)

S.: Es waren, naja, zwei, drei, vier Sekunden? Schrecklicher Film. (zu J.): Hast du ihn gesehen?

J.: Nie gesehen.

Tus nicht.

S.: Wer hat ihn gemacht? Dieser Michael Winterbottom-Typ? Hat er sonst je noch was gedreht?

Ja, “Unliving Dead” oder so..

S.: Oh, genau den. (Anm. d. Red.: Winterbottom hat niemals einen Film gemacht, der auch nur ansatzweise so heißt.) Du hast mal gesagt, du magst keine Filme. Wird es je einen Mark E. Smith- Film geben?

Wenn das irgendwer machen möchte, sicher. Keiner wird sowas machen. All diese Filme, diese ganzen Historienfilme, wie der über Nelson, oder fucking Christopher Columbus.. it’s all artshit. Weißt du, wer Christopher Columbus war?

J.: Ja.

Ich finde die Idee lächerlich, weißt du, wirklich wirklich verdammt dämlich.

(Anm. d. Red.: Vernuschelte Gespräche über Hollywoodstars, die Mark E. Smith in einer Mark E. Smith Biographie spielen könnten.)

J.: … aber ab 30 sehen die Hollywoodschauspielerinnen doch eh alle gleich aus. Botox.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Angelina Jolie sowas gemacht hat. Sie ist die schönste Frau der Welt.

J.: Angelina Jolie?

Yeah, haha. (lacht)

J.: Kann mir nicht vorstellen, dass Angelina Jolie und Brad Pitt Sex haben. Sie adoptieren doch alle ihre Kinder, richtig?

S.: Thats charity man….aber trotzdem kann kein Schwein die Frau aussprechen … Ange.. Angeli.. Ange.. Angelina Jolie!

Niemand kann Angelina Jolie aussprechen.

(Alle versuchen eine Weile, Angelina Jolie auszusprechen.)

S.: Es ist ein verdammter Zungenbrecher.

Aaeeeeenaaaa!

S.: Was hast du gesagt?

(Anm. d. Red.: Vollkommen unverständliches Genuschel.) … Nein, wirklich, ich habe Frauen gesehen, die besser aussehen. Im Supermarkt.

S.: Ganz ehrlich, ich glaube, ich weiß garnicht, wie Angelina Jolie aussieht.

Tust du. Sie ist die schönste Frau der Welt.

S.: Du hast gerade gesagt, du hast schönere Frauen im Supermarkt gesehen.

Ich dachte, du bist Journalist. Du darfst nicht lügen.

 

© Juliane Liebert & Stas Mankovich, 2010
erschienen auf vice.com
Foto: Benjamin Pollach