Die Silver Apples oszillieren weiter

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Vor langer Zeit, in einem weit, weit entfernten Universum jenseits unserer Vorstellungskraft, in dem es weder Techno noch Gentrifizierungsdebatten gab, genaugenommen im NY der Sechziger, spielte ein junger Mann an alten Oszillationen aus dem zweiten Weltkrieg rum, während ein Freund von ihm Platten spielte, und sah, dass es gut war. Der junge Mann hieß Simeon Coxe, und gründete gemeinsam mit einem Freund, Danny Taylor, der Schlagzeuger in frühen Projekten von Jimmy Hendrix gewesen war, eine Band namens Silver Apples. Danny spielte Drums, Simeon Oszillationen und sang. Der Großteil derer, die sie hörten, fanden das Ganze schrecklich. Ein halbes Jahr lang spielten sie (wenn sie nicht gerade in NY waren) vor „30 Leuten, und nach 2 Songs waren die auch weg“. Nur ab und an begriff jemand, dass das weirde Zeug, das sie da spielten, die Zukunft war. John Lennon zum Beispiel. Da sie einen sehr tüchtigen Manager hatten, bekamen sie einen Vertrag, veröffentlichten 1967 ihr erstes Album—zu einem Zeitpunkt, als die Jungs von Kraftwerk noch auf der Querflöte übten.

Es waren die ersten Stunden der elektronischen Musik—und für die Silver Apples schon wieder das (vorläufige) Ende. Sie hatten sich mit dem Artwork ihres zweiten Albums einen Scherz erlaubt. Auf dem Cover waren sie in einem Flieger der Fluggesellschaft Pan Am zu sehen, auf der Rückseite ein abgestürztes Flugzeug. Pan Am fand das nicht besonders lustig, verklagte sie als Band, als Privatpersonen, ihr Label, und ließ abends auf einer Show Dannys Schlagzeug konfiszieren. Die Silver Apples lösten sich auf. Für 25 Jahre. Sie verpassten Disco. Sie verpassten Synth-Pop. Sie verpassten House, Dubstep und noch ein paar unerfreulichere Sachen. 1997 belebte Simeon das abgestürzte Projekt wieder. Beim ihrem Konzert waren u.a. die Beastie Boys anwesend. Danny ist mittlerweile verstorben, Simeon, inzwischen 75, macht nach wie vor Musik, die klingt wie vor 50 Jahren und zugleich so, als sei sie gestern aufgenommen worden. Vor kurzem hat er im Festsaal Kreuzberg gespielt, wo wir das Vergnügen hatten, ihn zu interviewen.

Der Winter kommt!

Simeon Coxe: Ja.. fahrt alles runter. Versteckt euch in einer Höhle! Ungefähr so fühl ich mich. Dabei bin ich aus Alabama, von der Nordküste. Wir haben noch nicht einmal so was wie Wetter.

Gar keins?

Ab und zu friert es, aber nur über Nacht, und am Morgen ist’s wieder verschwunden. …und hier, naja, ein paar Joints und ein paar Biere, und der Schnee ist wunderschön. Macht ihr auch Fotos?

Ja, ich habe eine neue Kamera …

Oh, cool, ich mach sie für dich kaputt.

Haha. Magst du keine Kameras?

Doch. ich hab ein paar, ich fotografiere..

Analog?

Nein, ich bin konvertiert. Digital ist viel zu einfach, du knipst und machst es auf deinen Computer und fertig. Es ist das gleiche mit Filmen, diese Farben, diesen Verve, das kriegst du digital nicht hin… ist mir egal. Ich mach‘s mir einfach. Das geht mir auch mit Musik so. Ich mach’s jetzt digital, weil es so verdammt einfach ist. Meinetwegen können sie all diese Elektronikröhren nehmen und sie zurück in die Tschechoslowakei verschiffen.

Haha. Darüber haben wir geredet, als wir hier runtergingen. „Ich will gern das Equipment sehen… Wobei, vielleicht macht der jetzt alles auf nem Apple.“

Nein, soweit ist es noch nicht. Aber ich hab nicht mehr zwei Basspedale. Die beiden, die ich habe, sind groß und wiegen 40 Pfund. Ich kann mit denen nicht mehr touren, ich bin damit durch. Die Leute haben Tubes gesehen. Lasst uns was anderes machen.

Du könntest sie fälschen. Attrappen aufstellen.

Ja, das stimmt! Ich bastle kleine Kästchen, die bloß blinken.

Ja. Du stellst einen Haufen Elektromüll auf und versteckst dahinter einen kleinen Computer.

Begrabe meinen Apple darunter.

Haha. Was sind die drei Dinge, an die du am häufigsten denkst?

Spinat. Meine Katze Fibi. Und mein Segelboot.

Warum?

Spinat, weil ich ihn liebe. ich esse ihn jeden Tag. Ich koche ihn auf die verschiedenste Art und Weise, ich zerstampfe ihn und backe ihn und tue ihn in Quiche, ich liebe ihn einfach, man kann ihn anbraten und mit Eiern essen, zum Frühstück… ich habe ihn immer geliebt. Popeye ist mein liebster Cartooncharakter. Ich habe ihn geliebt, seit ich ein Kind war.

Aber du weißt, dass das mit dem Eisengehalt im Spinat eine Lüge ist, richtig?

(Langes, verletztes Schweigen.) Ja. Ich weiß. Aber ich liebe Spinat einfach. Und meine Katze … nun, sie sitzt auf meinem Schoß und liebt mich. Und ich brauche das. Hehe. Mein Segelboot, weil es mich von allem fortbringt, das schmerzlich ist. Nur ich und der Wind und das Wasser. Es ist eine Form von Reinheit. Reinigung. Ich liebe Segeln.

Ich hab mir vor dem Interview die ersten beiden Alben noch einmal angehört. Ich hab oft gelesen, dass es bei ihnen um Angst und Bedrückung geht, aber ich finde, dass es ganz klar Liebeslieder sind. Nervös und verschroben, aber Liebeslieder.

Ich denke, ich war einfach immer ein Romantiker. Als ich ein Kind war, las ich Gedichte von Shelley und Yeats, die Dichtung des 19. Jahrhunderts, die in diese „Schönheit ist Wahrheit“-Schiene ging. So höre ich Musik und so komponiere sie. Songs von einer zeitlosen, unschuldigen Romantik. Es gibt davon eine Menge in psychedelischer Musik. Nimm Acid und es bringt dich in einen sehr ehrlichen, unschuldigen und kindhaften Zustand. Und in meinen Zwanzigern, als ich Acid nahm, habe ich eben das empfunden. Und seitdem war es immer irgendwie in meiner Musik. Es gibt immer Leute, die sagen, „Mann, Frauen, benutz sie und lass sie liegen.“ Aber ich finde, Liebe ist eine wunderbare und schöne Sache.

Haha. Liebst du denn irgendjemanden außer deiner Katze?

Oh, yeah! Eine Menge Leute! Es gibt ein paar ganz an der Spitze. Eine junge Dame zum Beispiel. ich sage „junge Dame“, weil sie 20 Jahre jünger ist als ich.. ich bin 75, also ist sie 55 .. also ist sie eine junge Dame, … and she’s my Gal! Haha. Sie ist großartig. Musikerin. Hat auch Katzen. Manchmal denke ich, dass sie ihre Katzen lieber hat als mich. Aber das ist OK.

Hält das Musikbusiness dich jung?

Nein, es hatte für mich nie irgendwas mit Business zu tun. Das ist der Grund, warum ich in so ‘nem Loch wie dem hier sitze.

Haha. Dann die Musikszene?

Ja, sicher. Just keep it flowing. Ich bin, wie gesagt, 75 Jahre alt, und ich fühle mich kein bisschen anders als vor 50 Jahren. Kein bisschen. Ich meine, ich schau in den Spiegel und denke: Uaaagh. Das bin doch nicht ich. Aber sonst?

Wer war 1967 die schönste Frau New Yorks und konnte man sie mit Synthesizern beeindrucken?

Eeeh… nee… die haben sich alle nicht für Synthesizer interessiert.

Ooooh.

Das schönste Mädchen NYs… err, verdammt. Keine Ahnung, ich hab ne Menge hübsche Mädchen getroffen, aber die Hübscheste? Aber ich kann dir garantieren, dass ich nie eine Freundin hatte, die auch nur EINEN Millimeter davon beeindruckt war, dass ich ein Musiker war, oder dass ich Synthesizer spielte. Es hieß eher so: Was zur Hölle ist ein Synthesizer? Warum lernst du nicht einfach Gitarre spielen wie alle anderen?

Es gab viel Gerede über die Klagen von Pan Am und das damalige Ende der Silver Apples, also wollen wir das nicht noch einmal aufrollen. Aber hast du je darüber nachgedacht, was aus der Band geworden wäre, wenn all das nicht passiert wäre?

Ja, habe ich. Ich denke, dass es vielleicht keine schlechte Sache ist, dass es so kam. Ich kann mir vorstellen, dass wir in diese ganze Diskosache reingerutscht wären. Vielleicht hätten wir das gemacht, einfach, weil es Geld gegeben hätte. Ich denke, dass es auflief, als all das passierte, und wieder anfing, als es vorbei war, ist eine gute Sache. Es ist ja auch nicht so, dass ich mich unter einem Busch versteckt hätte, ich hab Bilder gemalt wie verrückt.

Das wollte ich sowieso noch fragen: Was hast du die ganze Zeit gemacht?

Bilder gemalt. Ich war ein Künstler. Ich war Künstler, bevor ich ein Silver Apple war, und danach war ich wieder einer.

Was hast du gemalt?

Objekte. Ich hab eine Serie gemacht. Fünfzehn Jahre lang habe ich Fahrräder gemalt. Ich hab mich in den Rhythmus der Speichen verguckt. Nimm zwei Räder, bau sie zusammen, und du bekommst vollkommen unterschiedliche Rhythmusmuster. Ich habe mich immer für Zufälligkeit in Musik interessiert. Wenn du sie wiederholst, ist sie nicht mehr zufällig, sondern ein Rhythmus. Ich fand das immer wahnsinnig interessant. Dasselbe habe ich in meinen Bildern gemacht.

In den Siebzigern gab es eine Menge Bands, die repetitive Songs gemacht haben, bei denen sich bestimmte Sachen scheinbar wiederholen aber dabei immer leicht variieren, während sich in der heutigen elektronischen Musik wirklich das Muster genau wiederholt, die Töne dieselben sind.

Wiederholung von Variationen. Ja, ich erinnere mich an einen der wichtigsten Rezensenten der NY Times, der damals ein Konzert von uns hörte, und schrieb: „Simeon hat diese nervende Angewohnheit, sich zu wiederholen.“ Und ich schrieb ihm einen Brief und antwortete: „Hey Dude, das ist der verdammte Punkt!“

Trotzdem: Du hast mit Jimi Hendrix gejammed und John Lennon war dein Fan, war es nicht merkwürdig, damit auf einmal einfach aufzuhören?

Ja. Es war merkwürdig. Und es geschah nicht über Nacht. Aber ich kann dir sagen, was über Nacht geschah: Als die Silver Apples zurückkamen, sprang ich drauf an wie ein Verrückter. Es gibt für mich absolut nichts, was sich mit Musik vergleichen lässt. Keine andere Kunstform kommt an Musik ran. Für mich ist Musik so machtvoll. Als die Silver Apples zurückkamen, war ich dabei, als hätte ich nie aufgehört. Ich bin dabei geblieben.

Aber hat dir das in der Zwischenzeit nicht gefehlt?

Ja! Aber wenn ich kein Silver Apple sein konnte, wollte ich kein Musiker mehr sein.

Oooh.

Weißt du, es hätte einfach keinen Sinn gemacht, Blues zu spielen oder sowas. Ich war ein Sänger, kein Gitarrist oder sowas. Ich war Sänger. Danny hatte sein Schlagzeug, aber ich hatte kein Instrument, also sagte ich. Hey, dann spiel ich damit. Es war nicht so, dass ich dachte: Boah, elektronische Musik ist das nächste große Ding. Es war eher so: Oooh, das macht ein lustiges Geräusch, lass uns das nehmen! Ich nahm den ganzen Kram mit auf die Bühne. Danny war der Drummer. Danny liebte es. Ich liebte es. Sie hassten es. Absolut. Hassten es. Abgrundtief.

Es waren Geräte aus dem Zweiten Weltkrieg, richtig?

Ja, Zeug, das ich für einen Dollar gekauft hab. Damals hast du den Kram für nichts bekommen, jetzt zahlst du 400 Dollar oder so. Auf Ebay. Für den gleichen Kram, weil er so selten ist.

Lustig, dass Jimi Hendrix euch mochte. Ich meine, er war klassischer Gitarrist. Wie war er so, war er nett?

Oh, Jimi war ein schöner Mann. Er und Danny waren befreundet, dadurch trafen wir uns. Danny war Drummer in einer seiner früheren Bands. Sie mochten sich immer. Als Jimmy nach England ging, um seine Karriere mit den Animals zu starten, fragte er Danny, ob er mit will. Aber Danny ließ es bleiben, keine Ahnung warum. Gott sei Dank! So war er da, als ich ihn brauchte.

Nach der Re-Union von Silver Apples hast du Danny im Radio gesucht, weil er verschollen war?

Ja, ich hatte keine Ahnung, was mit ihm passiert war. Wir lebten 1500 Meilen voneinander entfernt, es gab kein Internet, ich hatte keinen Plan, was mit ihm passiert war. Er bekam ein paar Jobs und landete in Kalifornien, ich bekam welche und landete in Virginia, also verloren wir uns, für 25 Jahre. Als ich die Silver Apples wiederbelebte, hatte ich einen anderen Schlagzeuger. Genau genommen hatte ich sieben. Aber immer, wenn ich ein Interview gab, sagte ich: Ich suche nach Danny! Und eines Tages passierte es. Er hörte sich selbst im Radio, rief den Sender an und sie wussten Bescheid.

Und jetzt nach seinem Tod benutzt du Dannys Drumsets?

Ja! Ich habe ihn gesampelt, die ganze Zeit, als wir wieder zusammenarbeiteten. Er kam in mein Studio und übte seine Sets wieder und wieder und wieder, um sie zu perfektionieren, und ich hab all das auf Tape. Also ist es nicht schwer für mich, ihn zu sampeln—wie hart er die Snare bei verschiedenen Gelegenheiten anschlug und so weiter. Bei den neuen Songs, die ich gerade oben auf den Tisch liegen habe, spielt Danny. Obwohl es ein neuer Song ist, spielt wirklich er.

Ist es nicht merkwürdig, mit deinem toten Freund zu spielen?

Nein! Ich glaub er sitzt oben auf seiner Wolke und findet‘s geil. Ich glaube er wäre begeistert davon, dass das Ganze weitergeht.

Das passt zu deiner Sichtweise von Romantik.

Ja, das passt. Es gibt nichts Kompliziertes an dem, was ich tue. Ich habe keine großen philosophischen Fähigkeiten. Ich bin ziemlich observativ und einfach.

Welchen deiner Songs magst du am liebsten?

Zu spielen oder anzuhören? Ich höre mir meine eigenen Songs NIEMALS an.

Niemand tut das, oder?

Doch doch, es gibt da Leute. Ich tue es nie. Ich brauch manchmal ein Jahr, Sachen richtig aufzunehmen, und dann hab ich die Nase voll davon. Aber ich mag es, rauszugehen und zu spielen, das ist etwas vollkommen anderes. Dafür musst du üben, denn du darfst es nicht verkacken. Du hast ein Publikum da, das dafür bezahlt hat, dass du es nicht verkackst. Ich liebe es, wenn ich spiele, und merke: Ich hab‘s auf den Punkt gebracht. Und ich werde besser und besser. Ich kann „Oscillations“ 500 Mal spielen—es wird niemals langweilig. Aber wenn ich‘s mir 500 Mal anhören müsste, würde ich die Farbe von den Wänden kratzen.

Ich finde es auch großartig, dass man eure Sachen heute Leuten vorspielen kann und sie fragen: “Wann wurde das aufgenommen? SIEBENUNDSECHZIG? Das klingt, als sei es von vor ein paar Monaten.”

Ich höre das oft. Ich denke nicht, dass die Musik ihrer Zeit voraus war, sie beinhaltet nur keine Zeit. Manche Musik ist einfach gut, egal, wann sie gespielt wird.

Wie Beethoven?

Ja. Ist immer noch gut. 300 Jahre später.

Du denkst also nicht, dass du elektronische Musik begründet hast?

… Ähm, ich hab keine Ahnung, was ich gemacht habe. Ich hab einfach Spaß gehabt.

Aber es wird dir vermutlich oft gesagt?

Ja, das stimmt. Sie sagen, dass ich weit vor meiner Zeit war, und die ganze Idee elektronischer Musik erschaffen habe.

Techno ist deine Schuld!

Ja, dass ich der Godfather of Techno sei … Macht mir keine Vorwürfe! ICH WARS NICHT.

Hahaha.

Ich weiß es aber zu schätzen. Ich liebe es, dass die Leute sagen, dass ich was dazu beigetragen habe. Das ist alles, was ich wollte. Was zu der Sache beitragen. Aber am Ende des Tages tue ich einfach, worauf ich Lust habe. Für mich. Es ist nicht so, als ob ich irgendetwas altruistisches getan hätte. Und ich habe NULL Ahnung von Musikgeschichte. Ich kenne nichtmal die Hälfte der Leute, die wir angeblich beeinflusst haben. Ich hab‘s für mich getan.

(c) Juliane Liebert, 2012

erschienen auf noisey

Foto: Christoph Voy