Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow hat die Welt gerettet (aber es ist ihm ziemlich egal)

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Dieser russische Opa rettete vor 26 Jahren das Leben einer handvoll (Milliarden) Menschen, indem er nicht auf einen Knopf drückte. Er war diensthabender Offizier in der guten alten Sowjetunion, als das russische Raketenwarnsystem (das er selbst entwickelt hatte) einen amerikanischen Angriff meldete. Er leitete die Nachricht nicht weiter, da er von einem Fehlalarm ausging – und verhinderte dadurch den dritten Weltkrieg. Seitdem das zehn Jahre später bekannt wurde, wird er durch die Massenmedien gejagt (wenn ihr ab und an fernseht, kennt ihr die Geschichte). Ein Freund von uns arbeitete letztens mit ihm zusammen an einem Theaterstück, also haben wir ihn gefragt, wie er selbst das sieht.

 

Herr Petrow, wie oft haben Sie die Geschichte eigentlich inzwischen erzählt? Haben Sie es nicht langsam satt?

Ja, die Fragen wiederholen sich. Ich ändere immer mal wieder was, sonst würde es mich längst anöden.

In Amerika, aber auch von den Medien in Europa werden sie als Held inszeniert. Wie stehen Sie dazu?
Ich habe mich nie als Helden gesehen. Es war Zufall, dass ich Dienst hatte. Die Massenmedien verzerren die Wahrheit. Ich war zufällig da – vielleicht insofern nicht ganz zufällig, als dass es Komplikationen mit dem System gab. Alles andere hat sich so ergeben.

Die Geschichte ist zehn Jahre lang geheimgehalten worden. Gab es für Sie Konsequenzen?
Man hat mich damals nicht gefeuert. Meine Frau war unheilbar krank, was ich zu diesem Zeitpunkt selbst nicht wusste. Deshalb ging ich 1994. 1993 hat eine große Zeitung die Namen der Beteiligten veröffentlicht und diese gelobt, wovon vorher nicht mal wichtige Militärs wussten. Bis dahin musste ich auf Festlichkeiten, wenn mich jemand auf meine Orden angesprach, immer schweigen. Ich konnte weder das Gespräch verweigern, noch wirklich etwas sagen.

Was ging Ihnen im entscheidenden Moment durch den Kopf? Waren Sie sich der Konsequenzen Ihres Handelns bewusst?
Das ist eine schwere Frage. Es ist schwer zu verstehen, selbst für mich. Dieses Raketenangriffwarnsystem hatte ich mit wenigen anderen Analytikern und Theoretikern seit 1972 entwickelt und kannte seine Komplexität. Ich habe einfach mein Gehirn eingeschaltet.
Es war eine 50/50 Entscheidung.

Trotzdem haben Sie gegen Ihre Vorschriften gehandelt. Hätten sich die anderen Offiziere ebenso verhalten?
Meine Kollegen sahen, dass ich nicht nach Vorschrift handelte. Man zog die Berechnungen der Computer immer vor. Ich wusste aber damals bereits, dass das System veraltet ist. Wie meine Kollegen gehandelt hätten, will ich nicht beantworten, das kann man nicht wissen. Die Handlungsinstruktionen hatte ich bei der Entwicklung des Programms selbst aufgestellt, ich habe mich also meinen eigenen Vorschriften widersetzt. Die Maschine ist immer furchtlos, der Mensch ist emotional. Deswegen reicht das Wissen der Computer reicht noch lange nicht an das menschliche heran.

Was wären die Folgen eines Irrtums gewesen?
Es hätte alles anders ausgehen können. Die Situation war sehr prekär. Reagan hielt Ansprachen gegen das „Imperium des Bösen“! Es ging um Sternenkrieg, die Möglichkeit der Kriegsführung im All. Die Amerikaner priesen Laserwaffen an. Doch in der UdSSR war bekannt, dass die amerikanischen Entwicklungen in dem Sektor nicht an die sowjetischen heranreichten. Man hat bloß öffentlich nichts preisgegeben. So wie wir in der Flugzeugträgerentwicklung hinterherhinkten. Es gibt ein Abkommen, dass verbietet, Kriege im All auszutragen…

Ein Abkommen, das verbietet, Krieg im Weltall zu führen?
Ja. Sollte es wirklich notwendig sein, soweit zu gehen, werden aber Großmächte wie die USA auf ein Stück Papier kaum Rücksicht nehmen wollen. Wie in dieser Geschichte: die Katze klaut die Wurst in der Küche. Der Koch wird sauer und schimpft, doch dem Dieb ist es egal, er hört zu und frisst genüsslich die Wurst weiter…

Das erinnert an die atomare Aufrüstung Nordkoreas, die aktuell diskutiert wird.
Ich empfinde gegenüber diesem Regime Feindseligkeit, denn es ist eine Bande an der Macht—Oligarchen, die das hörige Volk im Griff haben. Ihre Atomwaffentests waren, soweit ich weiß, bisher erfolglos: die Russen und die Amerikaner sind sich einig, dass es sich um eine Farce handelt. Sie machen kompetenten Wissenschaftlern etwas vor. Sie sind lange noch nicht fähig, eine Atombombe zu bauen. Es ist nur die Aufmerksamkeit, die sie wollen. Die Menschen glauben an Macht, sie wissen nichts anderes und glauben ihnen ihre Behauptungen. Nordkorea wird von den USA und Russland mit Ressourcen „gefüttert“. Es wird verlangt, dieses Projekt zu beenden…

Die USA und Russland „füttern“ Nordkorea?
Ich gehe stark davon aus. Das ist wie mit einem Hund, der sauer an der Kette sitzt und mit Leckerli milde gestimmt werden muss. Was für Russland wichtig ist, als Nachbarland. Es ist ein gefährliches Volk.

Also ist die gute alte atomare Abrüstung langfristig die einzige Lösung?
Als ich vor nicht allzu langer Zeit in den USA war, wurde mir ein Papier vorgelegt, das die Atomabrüstung vorschlug. Die Idee ist gut, aber wegen eben solcher Fälle wie Nordkorea oder der Länder im Nahen Osten werden Russland oder die USA so ein Abkommen nicht unterschreiben. Erst recht nicht die anderen kleineren Staaten, die nach Macht und Anerkennung streben.

So wahnsinnig viel scheint sich seit dem kalten Krieg nicht geändert zu haben.
Nein. Man kann die einmal vorhandenen Atombomben nicht im Klo runterspülen—und natürlich, sicherer fühlt sich der, der, nachbarschaftlich, wenns nötig ist, schnell mal was abfeuern kann.

Wenn Sie sich in dieser Geschichte nicht als Helden sehen—worauf in Ihrem Leben sind Sie dann stolz? Welche Tat zählt für Sie mehr als die damalige?
Dazu fällt mir nichts ein. Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Eine unerwartete Wendung! Die Medien brauchen das Böse, die Medien brauchen einen Helden und sie suchen beides, um das Publikum anzuziehen. Eine klassische Handlungsweise.

(c) Juliane Liebert, 2009

erschienen auf vice.com
Übersetzung: Katharina Sipple
Foto: Martina Kix