Holy Ghost! machen keine Witze über die Achtziger

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Holy Ghost! klingen ungefähr wie Depeche Mode nach einer geglückten Psychotherapie. Soll heißen, wenn die Psychotherapie vor der Aufnahme von Black Celebration schon soweit gewesen wäre, mit einem Kaliber wie Dave Gahan fertigzuwerden, was BC weniger nervtötend, aber HG! überflüssig gemacht hätte, weswegen wir den Gedanken jetzt nicht weiterverfolgen.

Nach dem Unterdrücken des Brauchen-wir-wirklich-noch-eine-achtzigeraffine-Discokombo-mehr-Reflexes ist ihr Mitte April erscheinendes Album wirklich nett. Sie haben vor kurzem in der Berghain Kantine gespielt, und wir konnten nicht hin. Angeblich haben sie mit einem iPad gesampelt, was wir dann doch gern gesehen hätten. Dafür haben wir uns ein paar Stunden vor der Show mit ihrem Sänger, Nicholas Millhiser unterhalten, der, falls seine Freundin dieses Interview liest, vermutlich in Kürze verlassen wird. Hoffen wir, dass sie es nie zu Gesicht bekommt.

Was geht mit den Achtzigern?

Nicholas: Ah, ich weiß nicht. Ich denke, viele Leute machen einfach Retrozeug, was schon lustig ist. Wenn es dabei einen Anflug von Ironie oder Sarkasmus gibt, mag ich das ziemlich gern. Unsere Herangehensweise—naja, es ist nicht direkt ein Witz über die Achtziger. Das, was Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger gemacht wurde, ist für uns der Höhepunkt der Musik. Ein Haufen unserer Lieblingsmusik kommt aus dieser Zeit. Pop war zu der Zeit einfach generell experimenteller. Wir lieben Pop, und das war der beste Moment, den Pop je hatte.

Eure Lieblingsbands aus der goldenen Ära?

Talking Heads sind ein großer Einfluss, und Michael Jackson! New Order. Auch schrägeres Zeug, Brian Eno, alles, was in der Paradise Garage gespielt wurde…

Wirklich, Talking Heads an erster Stelle?

Es ist so: Ich kann eigentlich nicht wirklich singen. Als ich sechzehn oder siebzehn war, sah ich Stop Making Sense, den Talking Heads Film. Ich war davon total hin und weg, aber ich dachte mir auch: Der kann doch garnicht singen. Naja, oder: Er geht da auf andere Art und Weise ran. Dann kann ich das auch. Und ich mochte, dass es oberflächlich Popsongs waren, aber darunter, in den Lyrics und auf der Gefühlsebene, etwas vollkommen anderes passiert. Etwas Merkwürdiges, Obskures.

This Must Be The Place ist das vielleicht abgründigste Liebeslied überhaupt.

Ja. Das mag ich auch. Am liebsten mag ich, natürlich, Once In A Lifetime. Wie alle. Girlfriend Is better, alles von Stop Making Sense. Das war für mich der Höhepunkt ihres Schaffens. Ich habe sie nie live gesehen, aber wenn sie sich je wiedervereinigen würden, ich würde ALLES bezahlen, um sie zu sehen.

Schau dir doch David Byrne an?

Jaa.. ich mag seine Solosachen, aber sie sind ein bisschen zu intellektuell für mich.

Das schlimmste Eighties-Cover, das dir bisher untergekommen ist?

Eeh.. WIR haben mal eins versucht, aber das wird in den Tiefen unseres Computers bleiben und hoffentlich nie das Licht der Welt erblicken. Es war wirklich richtig scheiße, ein Tom Petty-Song.

Welcher?

Hab’s vergessen.. hm, ein Cover, das ich hasse.. das hat nichts damit zu tun, aber ich hasse Rappers Delight. OK, ist nicht aus den Achtzigern, und kein Cover, aber aus irgendeinem Grund wurde der Song so oft in schlechten Filmen verwendet, dass ich ihn einfach nicht mehr hören kann. Sicher, großartiger Song, aber bitte spielt den NICHT auf meiner Beerdigung.

Erstmal tourt ihr doch noch eine Weile, oder?

Ja, die nächsten sechs Monate. Danach machen wir hoffentlich ein neues Album. Moment, es sind sogar mehr als sechs Monate. Ich fliege morgen nach Hause, um meine Freundin zu sehen. Für vier Tage. Dann gehts zurück nach Europa. Ich habe die Flüge gebucht, weil ich dachte, wow, vier Tage, ich muss da unbedingt mal nach Hause. Aber, es ist merkwürdig, ich vermisse meine Freundin und so, aber..

Du hast keinen Bock?

… ich habe überlegt, ob ich mir eine Ausrede ausdenke, dass ich krank bin oder den Flug verpasst habe oder so..

Deine Freundin wäre sicher sehr traurig.

Die anderen Jungs bleiben noch vier Tage in Berlin und machen einen drauf…

Du willst sie anlügen und hierbleiben?

Ja.. nein. Werde ich auch nicht. Es ist nur so, wenn man einmal unterwegs ist, kommt man in so einen Rhythmus. Ehrlich gesagt hab ich Angst, heimzufliegen.

So schlimm?

Ich meine, ich hab da nichts zu tun. Auf Tour hast du ab dem Moment, in dem du aufwachst, jemanden, der dir sagt: Geh dahin. Tu das. Spiel da. Mach das sauber. Räum das weg. — Und das ist, ehrlich gesagt, sehr angenehm. Du musst nicht denken. Bist für absolut nichts verantwortlich. Du musst nicht putzen, nichts entscheiden, nichts..

Also wirst du nach der Tour depressiv werden, weil du in ein Loch fällst und denkst: Und, was soll ich jetzt tun?

Ja. Genau. Wir nennen das PTD, Post Tour Depression. Jeder Musiker, den ich kenne, hat das. Ich meine, sogar dein Essen wird für dich hingestellt, der Alkohol, für alles wird gesorgt. Und sobald du nach Hause kommst, wirst du depressiv. Es ist schrecklich.

Aber ist es nicht großartig, wenn du wieder entscheiden darfst, was du essen willst? Der Moment, in dem du in den Supermarkt gehst, vor dem Kühlregal stehst und dir die Frage stellst: Will ich Frischkäse oder Scheibenkäse?

Doch, das ist das Allergrößte.

(c) Juliane Liebert, 2011

veröffentlicht auf vice.com