UBERMORGEN.COM

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Das Internet hat bewiesen, dass wir uns die letzten 2.000 Jahre geirrt haben, als wir hofften, der Mensch sei gut. Wenn sie nur die Möglichkeit bekäme, würde die Menschheit sich entfalten und in die Welt der reinen Ideen schreiten. Dank des Internets gibt es nun endlich eine Spielwiese, um all das zu verwirklichen—und was haben wir? Homepornos, Werbung und Kätzchenwebsites. Wogegen an sich nichts spricht—denn glücklicherweise gibt es auch Leute wie lizvlx und Hans Bernhard von UBERMORGEN.COM. Die beiden sind Technokünstler, Media Hacker und Koryphäen des digitalen Aktionismus. Ohne den ekligen Beigeschmack, den solche Titulierungen sonst auslösen—denn ihre Aktionen sind gelassen, clever und durchweg relevant. Neben Plattformen, bei denen man seine Wahlstimmen verkaufen kann und einem ziemlich ausgefuchsten Versuch, Google aufzukaufen, ohne großartig was dafür zu tun, beweisen sie Sinn für Selbstironie und einen angemessen finsteren Humor. Zurzeit arbeiten sie an einer Software, die Wärtern in amerikanischen Gefängnissen die eklige Verantwortung abnimmt, ihre Verhöre selbst zu führen. Als wir sie interviewen wollten, waren sie gerade in Israel und erklärten, sie bevorzugten Interviews via Mail, also führten wir das folgende Gespräch per Skype—was uns ganz recht war, denn wir hatten keine Ahnung, wie wir „Lisffks“ aussprechen sollten.

 

Ich wurde auf euch durch „Amazon Noir – the Big Book Crime“ aufmerksam, eine Website, wo ihr komplette Inhalte von Amazon gezogen und kostenlos zur Verfügung gestellt habt. War dies eine Aktion gegen Amazon?

lizvlx: Wir machen eigentlich nie etwas gegen irgendwas, denn damit würde man sich ja selbst in eine Position rücken, die schwach und minderwertig ist. Interessant war bei Amazon, dass wir es machen konnten. Die Frage ist nicht, wieso machst du’s, sondern wieso machst du’s nicht.

 

Es gab also eine Schwachstelle, die euch keine Wahl gelassen hat?

Bei „Amazon Noir“ war das schlecht gecodete Software, die erlaubte, dass man die „Search inside the book“-Funktion, nun, nicht missbrauchen, aber großzügig erweitern konnte, um damit die ganzen Bücher runterzusaugen.

 

Wie lange war „Amazon Noir“ online?

Amazon-noir.com ist nach wie vor online, in Funktionalität war es so ein halbes Jahr, schätze ich.

 

Sie haben wirklich ein halbes Jahr gebraucht, um euch aufzuhalten? Wie hat sich Amazon dann endlich gewehrt?

Na, gewehrt … Es haben sich Leute drüber gefreut, vor allem Journalisten, die Amazon zu den Großmächten des Bösen zählen, was natürlich total lächerlich ist. Firmen sind ja nicht gut oder böse. Und wir haben das Projekt dann so beendet, dass wir die Software an Amazon verkauft haben.

 

Statt in den Knast zu wandern, habt ihr sie im Prinzip gleich zweimal hintereinander abgezockt. Versteht ihr das unter Media Hacking?

Ja und nein. Media Hacking ist eher so was wie „NAZI~LINE“ oder „[V]ote-Auction“. Natürlich wird da auch Software verwendet, ohne die geht es nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, massenmediale Kanäle zu verwenden, um Themen reinzuhacken, die dort so nicht vorkommen—und das möglichst erfolgreich.

 

Wo du es erwähnst—wie genau lief „[V]ote-Auction“ ab?

„[V]ote-Auction“ ist ein relativ altes Projekt aus 2000 vor der ersten Bush-Wahl—eine Plattform für den Kauf und Verkauf von Stimmen im amerikanischen Wahlkauf … ich meine, -kampf. Als User konnte man auf die Seite gehen und seine Stimme, immer abhängig vom jeweiligen Bundesland, zum Verkauf registrieren, und wiederum andere Leute konnten alle Stimmen aus einem Bundesland kaufen. Das war die Basic Routine der Plattform.

 

Und, hat’s funktioniert?

Es hat in dem Sinn funktioniert, dass es eine sehr große Medienaufmerksamkeit bekommen hat. Wir haben in allen großen Zeitungen auf der ganzen Welt große Features auf den Titelseiten gehabt. Zudem ist es einer der wichtigsten juristischen Fälle im Bereich Internetrecht, weil wir diverse Male abgedreht worden sind, aber das war zumindest taktisch auch von uns geplant—wir hatten unter anderem ein dreiviertelstündiges Special auf CNN, das zur Primetime gelaufen ist. Wir haben drei Monate lang jeden Tag 20 Interviews gemacht—von sehr realistisch bis total absurd.

 

Die Leute interessieren sich also doch mehr für Politik, als man denkt. Und wie funktionierte euer anderes Projekt, GWEI oder „Google Will Eat Itself“?

Das funktioniert eigentlich sehr einfach—es basiert darauf, dass Google eine Aktiengesellschaft ist und auf der anderen Seite sein Geld hauptsächlich dadurch verdient, dass es Werbung vertickt. Die Methode, mit der Google Werbung macht, das „Google Ad Sells Program“, funktioniert so, dass auf irgendeiner Seite Werbung von Google ist, aber nicht für Google, sondern via Google. Wenn ich der Besitzer einer Kätzchenwebsite bin, verdiene ich Geld, wenn die User auf die Google-Werbung für Dosenfutter klicken, das zahlt Google mir, weil Google ist dann Medienpartner, und die Kätzchenfutter-Firma zahlt wiederum Geld an Google.

 

Aber wie frisst sich Google dadurch selbst auf?

Wir haben nichts anderes gemacht, als auf diversen Seiten von uns solche Ads zu schalten. Wenn unsere User darauf geklickt haben, haben wir das Geld wiederum nicht irgendwo deponiert, sondern es auf ein Schweizer Bankkonto überwiesen und damit Google-Aktien gekauft. Wir haben also von Google das Geld gekriegt, um Google zu kaufen. Das heißt „Google frisst sich selber auf“, eine Art von Auto-Kannibalismus.

 

Habt ihr die Software dann auch an Google verkauft?

Nein. Die User haben zu viel auf die Google Ads geklickt, und wenn auf Google Ads zu viel geklickt wird, wird man gesperrt, weil sonst wäre das ja kein Geschäft mehr für Google. Offiziell heißt es dann bei Google, dass „betrügerisch agiert“ wird. An Google zu verkaufen, ist auch schwieriger als bei Amazon, denn—Journalisten kennen das meistens—wenn man versucht, bei Amazon anzurufen, geht das relativ gut—wenn man versucht, Google anzurufen, wird man irgendwann verzweifeln. Wir haben von Google ein paar böse Briefe und Androhungen bekommen, aber auf die sind wir nicht weiter eingegangen. Google ist halt ein extremer Monopolist, der tut, was er will. Ich kritisiere das jetzt nicht, ich beschreibe das nur. Die sind nicht interessiert an irgendwelchem Austausch. Weil, wofür? Wozu sollten sie für Fragen zur Verfügung stehen?

 

Stimmt, aus deren Sicht ist das völlig überflüssig.

Beispielsweise funktioniert seit drei Wochen in Wien Google Maps nicht bezüglich der öffentlichen Verkehrsmittel, was ziemlich problematisch ist. Da gab es nur eine Pressemitteilung von ihnen, dass es ihnen bekannt ist und sie daran arbeiten. Weil, was sollen sie sagen? Und was soll man machen? Zur Konkurrenz wechseln? Es gibt keine Konkurrenz.

 

Es wird ja viel darüber gelabert, dass Google das neue große Böse oder das neue große Gute oder beides zugleich ist und die Menschheit verdummen wird.

Na ja, wenn man dran glaubt. Ich kann das so nicht sehen. Durch Google Maps lernt man den Weg zum Beispiel besser kennen. Ich meine, wenn man immer mit einem Navigationsgerät fährt, kann ich mir vorstellen, dass man irgendwann keine Ahnung mehr hat, wo man lang fährt.

 

Trotzdem denken viele, dass da eine Hilflosigkeit antrainiert wird.

Na ja, das tut die neue Studienordnung, wo es nicht darauf ankommt, was man lernt, sondern nur noch darauf, dass man physisch an einer Universität anwesend ist und hinterher für die Wirtschaft benutzbar ist. Natürlich birgt die Nutzung von Google Gefahren, aber wenn ich so bescheuert bin, dass ich alles mit Google mache, ist mir eh nicht mehr zu helfen.

 

Stimmt. Kannst du mir noch mehr über das Schlingensief-Projekt erzählen?

„NAZI~LINE“ haben wir aus einer reichlichen Naivität gemacht. Nicht inhaltsbezogen, aber das war das Projekt nach „[V]ote-Auction“. Wir wollten irgendwas machen, um nicht in ein schwarzes Loch zu fallen, um etwas zu tun zu haben, etwas, das ein bisschen intellektueller ist und nicht so ein Mega-Medien-Zauber, denn das ist echt anstrengend. Wir Vollidioten haben uns dann dafür entschieden, ein Projekt mit Schlingensief und mit Neonazis zu machen—unglaublich entspannend, wie man sich vorstellen kann.

 

Haha.

Aber es war sehr lustig. Es wurde vom Zentrum für politische Bildung gesponsert—wir haben eine Homepage gemacht, wo es darum ging, Neonazis den Weg aus der Neonaziszene raus zu ermöglichen. Wir dachten, machen wir „Nazi~Line“ mit den Farben, in denen die Zielgruppe zu Hause ist—also schwarz, rot, weiß, ein bisschen Leni Riefenstahl drüber, passende Sprache, damit sich halt der Neonazi zu Hause fühlt.

 

Auf die Idee käme doch keiner.

Wir haben in Berlin Neonazi-Castings gemacht, weil Christoph [Schlingensief] ja dann in Zürich mit ihnen „Hamlet“ gemacht hat—als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Weil, wenn man so aufhört, Neonazi zu sein, da hat man ja erst mal nichts zu tun, da ist da ein schwarzes Loch, da muss man auch erst mal aufgefangen werden, arbeitstechnisch und so weiter.

 

Ihr habt die Neonazis aufgefangen und sie euch.

Na ja, nicht ganz. In Berlin haben sich Leute in unserem Gemeinschaftsbüro aufgeregt, dass da Ex-Neonazis rein- und rausrennen, und das verstand ich nicht—denn, wenn der Neonazi böse ist, dann ist doch der Ex-Neonazi wieder gut? Wenn man die Politiker sieht, die auf ihren Podesten stehen und sagen, mit wie vielen Millionen sie das Problem lösen wollen—man kann das Problem mit Geld nicht lösen, sondern nur beschleunigen. Da geht’s um ganz was anderes. Geld ist einfach wertlos, vor allem für einen Neonazi. Aber insgesamt hat das Projekt gut funktioniert und die Leute angesprochen, die angesprochen werden sollten. Das Zentrum für politische Bildung war dann da nicht mehr so glücklich drüber. Die haben dann noch ein paar komische Angebote gemacht, in Sachen Zusammenarbeit, wie wir Geld verdienen könnten, wenn wir ein paar Neonazis an sie ausliefern. Waren wir nicht so dran interessiert. Weniger aus moralischen als aus selbstschützerischen Gründen.

 

Habt ihr gerade aktuell irgendwelche Projekte?

Wir haben eines, das schon relativ lange dauert. Es heißt „Superenhanced“—der Name setzt sich zusammen aus „Supermax“ (Supermax Prisons) und „Enhanced Interrogation“ (neuamerikanisch für Folter). Das Kernstück ist eine Softwareengine, ein Generator, eine Befragungssoftware. Also, ich als Verhörer wäre nicht mehr in der blöden Situation, dass ich selbst eine Befragung durchführen muss, sondern das tut der Computer, ich bin also nicht verantwortlich, sondern nur Handlanger, Teil des Systems, wie der Befragte Teil des Systems ist. Wir haben da viel Research betrieben, mit Leuten gesprochen, die in Kandeha im Gefängnis waren oder in Bakham, haben mit denen zusammengelebt und so.

 

Meinst du Leute, die dort gearbeitet haben oder die dort einsaßen? Was waren das für Typen, mit denen ihr zusammengelebt habt?

Wir haben Chris, einen Wärter aus Guantánamo, zu uns eingeladen, und der hat so zwei Monate bei uns gewohnt. So ’ne Standardsituation. Auf der einen Seite hat er Einiges erzählt, was ihm so passiert ist, andererseits musste man wirklich nachhaken, um die Sachen herauszubekommen, die jetzt wirklich unschön sind—also so richtig unschön sind.

 

Was meinst du mit „Standardsituation“?

Das Verhalten, dass sich der Täter als Opfer inszeniert. Was irgendwo auch stimmt, wenn sich ein 17-Jähriger für die Armee registriert und dann mit 19 nach Guantánamo kommt, als Wärter, dann ist das schwierig mit der Verantwortung für seine Taten, das ist klar. Trotzdem ist er nicht das Opfer. Das sind andere.

 

Mit 19? Mir war nicht klar, dass die Wärter so jung sind. Was waren die „wirklich unschönen Sachen“?

Es gibt in Guantánamo ja diese Emergency-Response-Teams. Die kommen ins Spiel, wenn irgendein Gefangener sich nicht an die Regeln hält. „Sich nicht an die Regeln halten“, heißt nicht nur, wenn er um sich schlägt, sondern auch „er lehnt sich an die Gitterstäbe“, obwohl man das nicht darf. Oder „schläft nicht auf dem Rücken“. Dann kommt so ein Emergency-Response-Team und sprüht mal ordentlich Pfefferspray in die Zelle. Dann wird der Typ rausgezerrt und mordsmäßig verprügelt.

 

Und was hat Chris dabei für eine Rolle gespielt?

Chris hatte den Job, das ganze videotechnisch zu dokumentieren. Das hat er als ziemlich psycho empfunden. Teilzunehmen ist weniger hart, als es zu filmen.

 

Klar. Beim Filmen hat man die Distanz, die einem beim Teilnehmen fehlt.

Nein, die Distanz ist da, auch wenn man direkt beteiligt ist. Das ist eine wohlüberlegte Handlung. Die meisten Typen in Emergency-Response-Teams sind schon Leute, die das gerne machen. Die halt mal so richtig den Terroristen zeigen wollen, wo sie herkommen …

 

… und wo’s langgeht. Und die Opfer?

Na, man kennt die Geschichten, dass die Leute an den Händen aufgehängt und tagelang hängen gelassen wurden, und wer stirbt, stirbt halt, und wer daneben hängt, hängt halt neben der Leiche. Aber was das Ganze nicht schlimmer macht, aber in eine andere Kategorie setzt—kalkulierter, systematischer, geplanter—sind nämlich nicht die kleinen Grenzüberschreitungen, sondern so Sachen, wie dass Ärzte dort mitarbeiten, deren Job es ist, zu schauen, dass der Puls der Befragten hoch genug ist. Der Arzt sitzt nicht da, um zu schauen, ob’s dem Befragten noch gut genug geht, sondern, ob’s dem schlecht genug geht.

 

Die scheißen also auf alle Prinzipien des hippokratischen Eids und der Genfer Deklaration. Was haben die noch für Sachen gemacht?

Die eine Sache, die sie gebaut haben, ist die „sauerstoffarme Zelle“. Da kommst du rein, und dir geht tatsächlich die Luft drinnen aus. Du liegst am Boden wie ein japsender Fisch, und ab und zu kommt der Arzt rein, und schaut, wie’s dir geht, und dadurch kommt ein bisschen Luft rein, und du kannst eine Weile weiterleben. Aber das haben die nicht nur für einen halben Tag oder so gemacht, sondern wochenlang … Na ja, da soll sich jeder seinen Teil dazu denken.

 

Ja. Aber Guantánamo ist ja kein Einzelfall.

Guantánamo hat uns nicht groß interessiert. Es ist eher ein Popding. Da macht man gerne Fotos und da ist die Presse, aber Guantánamo ist ein kleiner Fisch, der zwar böse ist, aber ist halt ein kleiner Piranha. Die vielen Supermax Prisons in Amerika arbeiten schon lange mit ähnlichen Methoden.

 

Gibt es noch sonstige Projekte, die ihr gerade plant? Ihr hattet jetzt Folter, Politik und Monopolismus, was interessiert euch überhaupt noch?

Wir machen gerade ein Projekt, das sich mit Medizin auseinandersetzt. Also mit Medikamenten. Sprich, wir schauen, dass wir auch ein paar neue Krankheiten erfinden können (UGI—User Generated Illnesses). Außerdem müssen wir endlich unsere Website neu machen. Es ist irgendwie lächerlich, wenn Netzkünstler ihre Website nicht fertig haben. Aber das ist einfach nicht das Ding, das einen so interessiert. Ist immer etwas langweilig. Wir schauen, dass wir mal wieder kleinere Sachen machen.

 

Ihr habt auch geschrieben, dass eure „Projekte nicht gelesen werden können, vielleicht nie, vielleicht in tausend Jahren“—war das nur dick aufgetragen?

Es ist nicht unser Ansinnen, dass es eine Interpretation vom Projekt gibt. Jeder soll darin sehen, was er darin sehen will. Wir arbeiten auch nicht so, dass wir uns immer absprechen. Eigentlich sprechen wir uns überhaupt nicht ab, außer hier und da zeitlich. Aber das geht uns auch schon auf die Nerven.

 

Ihr habt schon 1999 angefangen?

Ja, aber wir sind schon seit 95 zusammen. Arbeiten schon seit damals im Netz. Web gab’s ja noch nicht richtig. Es hat sich viel geändert, aber die Pixel sind immer noch Pixel geblieben. Wir freuen uns über neue Techniken, die einem zur Verfügung gestellt werden. Ich genieße es nach wie vor, dass man im Netz machen kann, was man will, dass man eine breite Öffentlichkeit erreicht und das relativ gut steuern kann—wenn man will.

 

Ihr habt auch behauptet, ihr würdet „keine moralischen oder ethischen Grenzen achten“. Wie äußert sich das und hat dieser Grundsatz Grenzen?

Na ja, moralische Grenzen sicher wirklich nicht, denn Moral bringt im Privatbereich wenig und in der Kunst schon gar nichts. Ethik, das ist was anderes. Es ist ja nicht lustig, immer nur Sachen zu machen, die nur ganz böse sind oder provokativ. Das wär ja nur Stress. Das sind eher Situationen wie mit Chris aus Guantánamo, wo viele Leute sagen, das geht mir jetzt zu weit, mit so jemandem möchte ich nichts zu tun haben. Morgen haben wir einen Vortrag in Jerusalem, und das wird wieder lustig, denn gestern war der Jahrestag des Beginns des Gazakriegs, wozu ich auch ein paar Arbeiten gemacht habe—Bilder von Kriegsopfern—im Rahmen der „Pixelpaintings“. Die Bilder heißen „Enemy Combatants“.

 

Ihr habt „[V]ote-Auction“ später auch in der Schweiz umgesetzt?

Das hieß dann „WAHLGELD.COM“. Das andere war eine Fakewebsite über einen Bauernhof, der Hundefleisch zum Verzehr produziert. In Wirklichkeit ging es um Hunde einer Kampfhundrasse, die da nicht gezüchtet, sondern aus Tierheimen aufgekauft wurden und so weiter, und so einem guten Zweck zugeführt wurden. Und wir haben bei den beiden Projekten am Schluss beides vertauscht—also wir haben den Leuten, die bei „Wahlgeld“ ihre Stimme verkauft haben, kein Geld zugeschickt, sondern eine Hundewurst. Und die Leute, die eine Hundewurst bestellt hatten, haben das Geld bekommen.

 

Haha. Guter Tausch.

Komischerweise fanden die Leute das gar nicht lustig. Wir haben auch bei „[V]ote-Auction“ am Schluss keine Stimmen verkauft. Nicht, weil wir es nicht wollten, sondern weil in Florida ein reallife Wahlbetrug im großen Stil durchgezogen wurde …

 

Verstehe. Gab es für euch dann auch Konsequenzen?

OGAs wie CIA, FBI und die NSA haben unsere Server gehackt und unsere Telefone belauscht. Sie hätten es niemals zulassen können, weil es die Integrität der Wahl gefährdet hätte. Aber weil es in einem Medium gelaufen ist, wo es nicht stoppbar war—unseren Provider kann man nicht abschalten und es ist am Ende nur noch auf einer IP-Adresse gelaufen—hätten sie es eventuell real physikalisch abgeschaltet, und da dachten wir, sind wir noch mal mit ’nem blauen Auge davongekommen.

 

© Juliane Liebert, 2009

Portrait: Daniel Gebhard de Koekkoek

BILDMATERIAL COPYLEFT 2000-2010 UBERMORGEN.COM

erschienen auf vice.com