gedichte III

[tannhäuser gate]

gestern fanden wir einen der
lag mit dem gesicht nach unten
auf der straße machten ihn wach
lehnten ihn an die wand und seine augen
rollten nach hinten in den schädel die 112
sagte sie sei die feuerwehr: er brannte
nicht wir ließen ihn liegen
es war kalt in letzter zeit
wirken die medikamente nicht mehr
es geht uns besser
wir stolzen die straßen auf und ab als hätten wirs
gepackt im sommer schliefen wir
auf den dächern sahen dinge
die ihr menschen niemals glauben würdet
gigantische schiffe die brannten
blieben im dunkeln kletterten
nur zum wachen runter
in die wohnungen
die wir erfanden

(2010)

 

die wale haben menschenaugen und du fische
sitzt in deinem aquarium und sagst: fass mich an,
fass mich an: es gibt keine sünde
es gibt keinen himmel
der teufel will unsere seelen nicht
wir könnten uns draußen treffen
wir könnten uns ausziehen
schwach werden sagen:
diesen tag hat es nie gegeben,
dieses drama fand nie statt, wir könnten
uns anders ausdrücken ich wäre ein
essay du ein schlechter bukowski
mein bonbonfarbenes tangerinrot gespritztes
stromlinienbaby: schlüpfrig glitzrig elektrisch,
ein zitat, wir könnten das weite suchen
beieinander bleiben wo steht
dass silber gold ist reden
schweigen

(2009)

 

 

[für liesas kind, von einem mehlwurm empfangen
untergegangen in der spree am 1.6.09]

ich glaub wir glaubten eh nicht mehr an die liebe meine liebe
wir glaubten an ecstasy die schwerelosen drehungen
unserer augbälle unter den lidern der anderen nur wir
drehten uns nicht um die sonne die sterne die seen
die uns entgingen wir kreisten um 15 mg ranticin, drei schübe
fenoterol 150 gramm cortison, nichts weiter
ist glück: einer der bei uns war wollte
an einem ballon erhängt werden
scheißend sterben winkend
über den felsen der loreley entrissen: kraken
haben drei herzen neun hirne wir
leichtere vergnügen

(2009)

 

wenn du wirklich raus willst
musst du schnell und leise sein
sagen sie lösch dich ins blatt
werk draußen die wespen surren zwischen
den schallschutzscheiben liegt eine tote frau
in der nachbarwohnung seit zwei monaten
ist der flughafen auch nachts geöffnet deine haare
werden dunkler du zeichnest
einen mann im anzug auf einem traurigen hund
siehst dir beim ficken zu aus dem fenster zählst
die sachen die du vergessen wirst
den stapel scheine eins auf dem tisch deine leberflecke
zwei im flur und drei

(2010)

 

(c) Juliane Liebert, 2009 – 2010