gedichte II

[gogol]

(für a.s.)

nikolai mein partymädchen
es waren diese sätze, sie haben dich
lebendig begraben tot
gruben sie dich wieder aus,
den kopf ganz verdreht von
deinem sargstakatto deinem letzten step
du hattest visionen wir haben verstand
wir rasen gerädert in kunststoffkisten
die klappernden scheiben verspiegelt
dass keiner uns sieht dass wir
alleine und wehrlos, konserven
sind wie du, doch du besitzt
tiefe, das gefühl für die bretter
die die welt bedeuten, wir sind
schon weiter: wir reden blech ach
nikolai, mein bodenschatz

“Der russische schriftsteller Nikolai Gogol starb an den Folgen strengen religiösen Fastens im Alter von 42 Jahren. Viele Jahre nach seinem Tod wurde sein Grab zwecks einer Umbettung geöffnet und man fand das Skelett des Dichters völlig verdreht im Sarg liegend vor. Eine naheliegende Erklärung dafür ist, dass Gogol lebendig begraben wurde.”

(2007)

 

 

[das meer war gerade nicht da als wir kamen]

auf dem weg zum einkaufen beschlossen wir, einen umweg übers meer zu machen. wir nahmen unsere lidltüten und stiegen in den zug. es verging zeit. wir wechselten den bahnhof. von stralsund aus war das meer ein reichlich vernageltes blau, umstellt von statuen & touristen lag es da und traute sich nicht weg. wir aktualisierten es aller zwei minuten, bekamen aber keine neuen nachrichten. wir hatten gehofft, in der fremde eine grofle nähe zu spüren. sie hielt sich fern. ich fotografierte möwen und bat dich, dein gesicht aus dem bild zu nehmen, weil deine nase den horizont verdeckte. es verging zeit. es gab pflichten denen wir hätten nachkommen sollen. wir hofften, dass unsere probleme sich erledigen würden, wenn wir sie nur lange genug ignorierten. wir ahnten, dass es mit unseren träumen ähnlich sei. wir blieben und warteten, bis es schön wurde.

(2007)

 

[portrait oktober o7]

er nannte sie das letzte einhorn
sie war in wirklichkeit ein pferd
sie wollte nicht verzaubert, sie wollte
geritten werden, sie war gerne bei
lieber unter ihm, sie war durchaus
aussagekräftig, ein schön geschwungenes
fragezeichen, eine verlegene stille,
sie wollte sich fortpflanzen,
aber nicht hier in der provinz
lieber in havanna der schweiz oder
im irak besser nicht sie war
eher der empathische typ sie war
empfindsam, eine nixe, zum einschlafen
zählte sie schafe mit schwimmreifen,
fing sie eines, ertrank es, es tat ihr
alles leid was lebte sie liebte
doch menschen wie tiere sie fand
sogar das mit der selbstliebe
gut aber die schlampe wollte
ihre gefühle partout
nicht erwidern

(2007)

 

 

[schulausflug]

 

wir fuhren nach berlin, um zu shoppen und wegen der judenvernichtung. wir fanden viele schöne neue sachen und das mahnmal sehr gelungen um betroffen zu machen. es war nicht weit bis zur grenze, wir machten fotos am point charlie und ein lagerfeuer im park. uns wurde kalt, wir waren hungrig, der chinese hatte schon zu, darum gingen wir zum döner. wir plauderten über den holocaust. der holocaust war eine wirklich gute ausstellung – vorallem die datenbank mit den namen der opfer zum googeln fanden wir praktisch. nur die vielen persönlichen schicksale waren auf dauer langweilig und anstrengend zu lesen und der durüm kleiner als in halle und sowieso alles völlig überteuert. in echt geht einem sowas näher, kamen wir überein. das nächste mal fahren wir lieber ins kz (und grillen).

(2007)

 

du bist mir verloren gegangen
an die metaphysik an die zeit
und ihre berechenbaren götter,
an die tauben, die taxifahrer,
sie sind überall, sie haben
deine augen weil du keine hast
sie haben deine ohren weil
du keine hast sie sprechen
deine sprache weil du schweigst
ich sehe dich ständig du bist in
atlantis am broadway an der haltestelle
wenn der bus hält schon weg du hast
mir die zunge gebrochen es ist
ein gerücht du bist nicht gestorben
als ich den friedhof betrat warst du
gar nicht da wer redet von krebs
du bist schütze du spielst mit freunden
fuflball in denver du liegst in
der sonne deine lunge löchrig noch warm
eine faustvoll zerpresstes vogeljunges du
bist überall jetzt wo du nirgends bist
sind deine sohlen gestirnt deine seele
ein hohlraum nur die erde über dir
ist flach & rotiert immer langsamer
und die djs die kellnerinnen
die götter der physik und die zeit und
ihre bediensteten, sie sind mir
verloren gegangen mit deinem gesicht,
sie haben keine augen sie haben
keine ohren sie haben keine
worte mehr für dich

(2008)

 

 

[politisch unkorrektes klimagedicht auf kosten meines verlobten
der wegen der luftverschmutzung mit dem rauchen aufhören würde
(wenn er könnte)]

nur deinetwegen wird es keine sintflut geben
es wird keine statistiken geben über
die verteilung des rauchs in deinem bart
keiner wird rechenschaft ablegen über deine
zigarettensucht an montagen über die
naturvölker die hungern in der fauna
deiner blicke wegen deiner spritztouren
nachts versinkt venedig der meeresspiegel dampft
wenn du dir das oel von den fingern
wischt wenn du deine wimpern ausreiflt
zupfen monsune tausende chinesen
aus spielzeugfabriken in stücken
in die obere athmosphäre wie bunte
asche die es hochtreibt in der heizungsluft
wenn du atmest denk an die folgen
deiner taten & geniefl sie kind
wir müssen doch für die generationen
nach uns noch ein paar probleme
übrig lassen sie haben das verdient
sie werden uns dafür lieben weil sie
unsere kinder sind unsere kinder
werden keinen schnee kennen sie
werden albinos sein im südpol schwimmen
die summenformeln unsres glücks
erforschen und sterben wie wir
ohne das ende der komödie ohne
dich lachen gesehen zu haben darum
lach cheri dein mund wird in
keinem geschichtsbuch erscheinen
aber du wirst auch gelacht haben wenn
es keine geschichten mehr geben sollte
verrat es keinem ich glaube
nicht mehr dass wir sterben werden
sollte es eine sintflut geben
warum nicht meinetwegen

(2008)

 

 

“wer für den strick geboren ist, kann im wasser nicht umkommen.”

mankovich sagte er habe empfunden
dass die welt voll grofler und kleiner
dinge sei und dass gott
schweige, mankovich sagte
es gäbe nichts helles
und nichts dunkles in der welt
und die liebe sei
kein gefühl, mankovich
safl im wintermantel im bett
er sei eigentlich gerade
im begriff zu gehen gewesen
sagte er werde fortan
immer eine sonnenbrille tragen
nur damit irgendwer
ihn frage
warum
fragte ich wenn keiner es tut
wird es dich dann nicht nur
noch trauriger machen
schon sagte mankovich
aber dann
sieht es keiner mehr

(2008)

 

 

mach das licht leiser mir ist kalt
komm jetzt nicht näher ich friere
als wenn ich tausend körper hätte einen
pro umdrehung einen pro pulsschlag einen
jungen einen alten einen in einer tankstelle
in lappland einen mit einem pony der mir
nicht steht und den meiner mutter die noch weint
während ich schon zwiebeln esse und durch
all die häute dich spüre: deine finger
brennende tiere emporkömmlinge
wanderndes volk

wir werden reich sein im schutz
unserer rippbögen einen zirkus gründen
wir werden die dame ohne unterleib
der clown mit den eisenlungen wir werden alles
sein die bengalischen tiger die zwerge
mit den keramikfüflen gefäfle ohne form
halt jetzt nicht still ich will uns
zwei kinder machen eines aus holz
eines aus luft ein hartes und
ein weiches und dich
an ihrer stelle säugen

(2008)

(c) Juliane Liebert, 2007-2008