gedichte I

[trink mohn und träume]

ach sag hausen die sternhuren noch unterm dachstuhl
speien rufl in seinen schlafwein wenn’s dämmert
dieser unbestimmt vermeidliche lichtgeschmack
wenn’s dämmert jault er klatschmohn ja
klatschmohn würd ich ihm wünschen beizeiten

(o4.o9.2oo4)

 
[tangens]

das laminat war auslegungssache
wir also ständig im fall begriffen
ohne jemals fufl zu fassen
im gut fundierten bodenlosen
erklärten wir an stelle dessen
aufschieflend in stromlinien
form versetzten radien
den höhepunkt zur monotonie
was bedenkenlos gelang weil
der luftwiderstand längst gebrochen
die geschwindigkeit so hoch wir
so leichten herzens nahezu
schwerelos waren und den grund
nicht kannten

(23.o8.2oo6)

 

 

II

deine hände sind die letzten
exemplare einer aussterbenden vogelart
sind luftträger, windbeladen, unstet ihr flug
wie ihre artgenossen selig
unter mantelärmeln in woll-,
in seidensärgen schaukeln können
sie nicht fassen

(2006)

 

 

 

[NEW YORK (wie es nicht war)]

new york erschien uns eher mikrig, sowieso
fanden wir den kontinent blofl so lala
es sei denn wir hätten ihn ganz haben können
oder wenigstens die gröflere hälfte, und
dann bitte auch das bisschen ozean drumrum;

wir waren zu viele, wir wollten nicht teilen,
wir wollten alle starbucksfilialen der welt
und die letzten regenwälder samt koalas für uns,
wir wollten all das kokain von dem wir ständig lasen
was wir nie zu fassen bekamen, den rausch,

wir waren ausgelassene, streng vermessen,
unsere rücken abgebrochene spannungskurven
lagen wir auf den grünflächen, rauchten
unsere lippen umschlossen die schornsteinspitzen
und unsere silhouetten vollendeten die skyline

wir waren abgestürzt,
zwischen den zügen entgleist,
kinokarten schon am einlass entwertet
ahnten: der film läuft auch ohne uns ab, waren
immer nah dran nie da gewesen zu sein

(2006)

 

 

I
es sind zwei fremde in uns, die finden
nichts aneinander als vier handvoll n‰gel
ich suche schnee auf deiner zunge, finde
hitzegefälle, greise sommer, bin
so glücklich, ich könnte nicht weinen
wenn du stirbst, die tränen müssten
fischeier sein, angelhaken, genau
das loch in deinen lippen füllen, glänzen
weil du das licht in deinem mund nicht sehen kannst
wenn du ihn öffnest braucht der tag
keine sterne, sie müssten kaviar sein,
geschwärztes, warmes salz

II

die gesichter ineinandergenäht
lagen wir, mürbe, da wir lange
wie magnetische hunde uns gejagt, spürten
die monde rosten unter unseren nägeln
verfangen den geruch unserer geschlechter,
spürten die schwere des lichtes
schimmel auf uns wachsen,
bis wir uns, zerrieben zwischen
den händen, auf denen wir
nachts uns selbst getragen, aufhoben
in der obersten schicht
des schlafes

(2006)

 

 

[das meer]

das meer das hundsäugige das kalkfüflige meer
tausend fingerzeige weit und ungezählte
brusttiefen schwer, wo es heller ist
als irgendwo weil das licht vom wasser
gebrochen, auf dich zurückgeworfen wird,
wo dir deine blicke versalzen ins gesicht schlagen,
wo du für einen hühnergott zwei gläser wodka
eine nacht im tang dein leben ruinieren würdest
für einen einzigen moment: die weite
wie du sie siehst im spiegelbild
des spiegelbildes eines fremden
im zugfenster, neben dir, drauflen

(2006)

(c) Juliane Liebert, 2004-2006