Kitsch ist die Abwesenheit von Scheiße

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Hellmuth Karasek war Chefdramaturg am Staatstheater in Stuttgart und Leiter des Kulturressorts beim Spiegel. Er hat Bücher über Brecht, Max Frisch oder Billy Wilder geschrieben (das sind nur drei von geschätzten 5.763, die er veröffentlicht hat) und er war Teil des Literarischen Quartetts—13 Jahre lang die Literatursendung schlechthin. Es begann 1988, zu einer Zeit, als „vor allem die Repräsentanten des Katholischen im Fernsehrat noch gar nicht wussten, dass Frauen onanieren, weswegen sie die Sendung sofort schließen wollten“ (Reich-Ranicki, Fernsehlexikon). Die im Quartett besprochenen Bücher landeten häufig binnen kürzester Zeit auf den Bestsellerlisten. Selbst jetzt, über zehn Jahre nach dem Ende der regelmäßigen Ausstrahlung, ist Das Literarische Quartett ein Format, für das sich nie wirklich Ersatz gefunden hat. Wir besuchten Hellmuth Karasek in seiner Wohnung in Hamburg und sprachen mit ihm über die großen Themen der Deutschen: Kitsch, Hitler und Fußball.

Ihr Name wird mit zwei L geschrieben.

Hellmuth Karasek: Ja, und mit th. Meine Eltern erklären das als einen Fehler des tschechischen Standesbeamten.

Hat er sich verschrieben?

Ja, vielleicht. Oder meine Eltern wollten eine besonders deutsche Schreibung haben und dass das nach heller Mut klingt und so.

Ist Karasek nicht Räuberhauptmann gewesen?

Ja. Waren Sie mal in Bautzen? Dort gibt es ein sehr gutes Lokal „Zum Räuberhauptmann Karasek“. Ich bin erst draufgekommen, als die Wiedervereinigung kam. Da bekam ich viel Post mit der Frage: „Sind Sie verwandt mit dem Räuber?“ Er wurde, glaub ich, in Dresden verhaftet. Er war so eine Art Robin Hood.

Sie werden sehr oft interviewt. Was ist die Frage, die Ihnen am häufigsten gestellt worden ist?

Das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen, weil ich meist zu aktuellen Sachen interviewt werde, entweder ein neues Buch oder irgendein politisches Ereignis. Wenn ich zum Beispiel ein Tor verschossen hätte, dann hätte man gesagt: „Warum verschießt du denn das Tor?“ In jüngerer Zeit wurde ich öfter mal gefragt: „Warum bist du so dick geworden?“

Und was antworten Sie dann?

Dann sag ich, das weiß ich auch nicht. Kennen Sie meinen Lieblingswitz übers Dickwerden?

Nein.

Es ist ein trauriger Witz über eine Ehe, eigentlich. Ein Freund trifft einen anderen Freund. Und dann sagt der eine: „Du bist ja so dick geworden“, und der andere sagt: „Ich weiß auch nicht. Ich komme abends nach Hause aus dem Büro. Dann sitze ich mit meiner Frau vorm Fernseher und dann machen wir den Fernseher aus und gehen ins Bett. Wenn es dunkel ist, strecke ich die Hand nach meiner Frau aus. Sie ist schon eingeschlafen, schreckt hoch und sagt: ‚Is was?‘, und dann gehe ich zum Kühlschrank und esse was.“

Was sollte man im jungen Alter lesen?

Ich würde sagen, man sollte auf jeden Fall Gullivers Reisen lesen. Ob als 20-Jähriger oder als 40-Jähriger. Ich habe es als 20-Jähriger gelesen. Man sollte auch auf jeden Fall Nabokovs Lolita lesen. Man sollte auf jeden Fall Voltaires Candide lesen. Das an klassischen Büchern. An moderneren Büchern kann man als 20-Jähriger durchaus die Roche lesen.

Mochten Sie ihre Bücher denn?

Ich mochte das erste Buch ziemlich gerne. Das hatte einen besonderen Grund. Ich hatte mir kurz vorher sieben Rippen gebrochen, und zwar beim gesunden Sport. Ich bin zum Schwimmen gegangen, bin ausgerutscht, auf den Rücken gefallen, es machte so ein dumpfes Geräusch und dann waren auf einer Seite alle Rippen gebrochen. Dann kam ich ins Krankenhaus. So was ist nicht schlimm, solange keine Rippe in irgendein Organ reinstößt. Es ist nur sehr schmerzlich und man muss einfach warten. Es gibt keinerlei Heilmethoden. Bei der ersten Gymnastik, die man macht, tunkt einem die Schwester mit einem Schwamm auf den Rücken. Ganz vorsichtige kleine Bewegungen. Man darf keinen Witz erzählen, keinen Niesanfall haben, kein Husten, das tut wahnsinnig weh. Ich kam mir irgendwie entwürdigt vor, mir wurde eine Bettpfanne drunter geschoben und all das. Und da hatte ich gerade die Roche gelesen. Ich finde, sie zeigt eigentlich ganz schön, wie man im Krankenhaus entwürdigt wird.

Ich erinnere mich an die Beschreibungen.

Und sie beschreibt auch noch ihren Hau, den sie im zweiten Buch ja auch noch hat. Also den Schuldkomplex, dass sie ihre Familie umgebracht hat. Und dann hat sie wirklich manchmal ganz gute Sachen in ihren Büchern. Ich hab zum Beispiel im zweiten Buch gelesen: „Kitsch ist die Abwesenheit von Scheiße.“ Und wenn in einem Buch nichts von Scheiße steht, dann ist das Kitsch. Mir ist eingefallen, dass das wahr ist. Es gibt ein Buch von Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, darin kommt auch ein Versuch über die Scheiße vor, darüber dass die Diktaturen es nicht ertragen, dass man von so was spricht.

Scheiße also.

Daran hat es mich erinnert, und dann ist mir eine Geschichte eingefallen: Als junger Student wurde ich einmal von einer amerikanischen Studentin in ihre Villa eingeladen, in der sie in Tübingen zur Untermiete wohnte. Ich erzähle diese Geschichte erst, seit ich die Roche gelesen habe. Ich bin hingekommen, sie war ganz alleine in der Villa. Ich musste auf die Toilette. Als ich spülte, kam alles wieder raus. Ich dachte: „Ach du Scheiße, was machst du denn jetzt?“ Es war ja nicht von mir; es war einfach verstopft. Dann habe ich die Ärmel hochgekrempelt, das sauber gemacht, mich danach geduscht und dann bin ich rausgegangen und habe mich sehr schnell von dieser Amerikanerin verabschiedet, ohne mit ihr zu flirten oder irgendwas, weil ich sie irgendwie für schuldig befand, dass ich diesen Mist machen musste. Das sind Geschichten, die kommen in Erzählungen nie vor, oder inzwischen ganz selten.

Ich fand das mit der Diktatur und dem Kitsch gerade interessant, weil die Kunst in Diktaturen immer viel kitschiger ist.

Ja, natürlich, weil die der Wahrheit immer aus dem Wege gehen. Das ist ganz klar. Die können auch keinen Spott ertragen, kein Gelächter. Sie können nicht komisch sein. Chaplins großer Diktator ist vielleicht doch die beste Hitler-Analyse, nicht dieser kitschige Frisör-Teil, diese Landidylle, den lassen wir mal weg. Aber der andere Teil ist schon toll. Auch dieser geniale Einfall, wenn Chaplin als Hitler seine Rede hält. Zuerst einmal bellt er rum. Und wenn der Beifall aufkommt, dann trinkt er Wasser, und gießt sich das Wasser in seine Hose vorne rein. Da ist mir eingefallen, dass Hitler wahrscheinlich Orgasmen hatte, wenn er mit den Leuten so geredet hat und dass das Chaplin durchschaut hat. Also zumindest diese Wirkung von ihm. Hitler hat gesagt: „Man muss die Volksseele umarmen. Wie eine Frau ist das Volk.“

Also hat Hitler in seinem Kopf das deutsche Volk gefickt.

Ja, das kann man so sagen. Deshalb durfte er auch nicht verheiratet sein, damit niemand auf eine einzelne Frau eifersüchtig war.

Am Ende hat er ja doch geheiratet.

Da war es aber zu spät. Das wusste auch niemand mehr. Davor wurde nur verlautet, dass er im heldenhaften Kampf gefallen ist. Seine Hochzeit hat er nicht mehr verlauten lassen. Ich weiß deshalb ganz gut Bescheid, weil ich mit Dietl an Stonk mitgearbeitet habe, und die erste Szene spielt ja im Führerbunker. Das kennt inzwischen ja jeder. Es gibt ja viele Filme darüber.

Ich finde, dass diese überernsten Reportagen kontraproduktiv für die Verarbeitung sind. Außerdem wird das Thema bis ins Letzte ausgeschlachtet, es gibt viele popkulturelle Phänomene, wie Hipster Hitler. Kennen Sie den?

Nee.

Hipster Hitler ist eine Cartoon-Serie, in der Hitler ein typischer Hipster ist und zum Beispiel T-Shirts trägt, wo „I Love Juice“ draufsteht. Ich finde, sich lustig zu machen, ist eigentlich die beste Form des Boykotts.

Ich habe den Film Inglourious Basterds ganz gern gehabt, weil der sich genauso lustig macht. Dieser Hitler ist mit der beste, den ich kenne, wie der da sitzt und den Film durchhält. Ich hatte vorher über Inglourious Basterds gelesen und dachte mir, so einen Schwachsinn kuckst du dir nicht an. Das kann nicht sein. Und der Film ist so überzeugend. Der ist so toll, weil er eben genau das trifft. Ich hab gestern Cartoons, die vom New Yorker verworfen worden sind, in der Zeitung gesehen. Da gab es ein Bild, wo Astronauten auf dem Mars landen, die Marsmännchen sind so gezeichnet wie Marsmännchen und haben gerade ein Marsmännchen ans Kreuz geschlagen und sagen zu den Astronauten: „Keine Angst, wir haben es den Juden schon in die Schuhe geschoben.“ Ganz großartig. Oder eine Blondine, die zu einer Adoptionsstelle kommt, um Kinder zu adoptieren, und sagt: „Ich nehme von jeder Farbe eins“, als ob sie im Kosmetikladen wäre.

Das klingt ein bisschen nach Angelina Jolie.

Ja, die hat auch von jeder Farbe eins.

In einem Cartoon, den ich letztens gesehen habe, waren drei schwarze Kinder und eine Fee. Und die Fee sagt: „Jeder von euch hat einen Wunsch frei.“ Das erste sagt: „Ich will weiß sein.“ Das zweite sagt: „Ich will auch weiß sein.“ Und das dritte sagt: „Ich will, dass die anderen beiden wieder schwarz sind.“

Haha.

Wo wir bei Filmen sind, was ist denn gerade Ihr Lieblingsfilm?

Sehr gut gefallen hat mir im letzten Jahr auch dieser Film über Afghanistan, wo die Amerikaner den Aufständischen ihre Abwehrraketen verkaufen, mit denen sie erst die Russen und dann die Amerikaner abschießen. Ich weiß nicht, ob sie wissen, wie der heißt. Es ist ein Eigenname, der Film ist vielleicht drei oder vier Jahre alt. Ein sehr komischer Film. Ich müsste meine Frau fragen.

Wie stark benutzen Sie das Internet?

Wenig. Ich habe ein iPad und das ist so kindlich leicht, das kann ich super benutzen. Aber es geht viel Zeit verloren. Komischerweise liest man sich immer irgendwo fest und hat dann mehr zu tun, als man Zeit hat. Ich lese jeden Tag vier, fünf Zeitungen. Ich muss nicht alles lesen, aber zum Beispiel heute … (legt die Bild auf den Tisch.)

Sie lesen die Bild?

Ja, als allererstes.

„Madonnas politischer Busenblitzer“

Wo können sie so was Schönes noch lesen? So ein scheußliches Bild dazu. Ich lese die Bild, ich lese die Welt, ich lese die Süddeutsche, ich lese den Tagesspiegel und die FAZ jeden Tag. Und das Hamburger Abendblatt natürlich. Und die Berliner Morgenpost. Aber die Morgenpost lese ich nur, weil ich dort Autor bin.

Für welche Zeitungen arbeiten Sie jetzt noch?

Ich arbeite als Kolumnist für das Hamburger Abendblatt und für die Berliner Morgenpost. Sonst arbeite ich für die Welt.

Und welche Zeitung lesen Sie am liebsten? Die Bild?

Nein. In gewisser Weise schon, aber aus ganz anderen Gründen. Ich meine, wo sonst fände ich so eine schöne Boateng-Glosse wie diese? Hier: „Die schönste Belohnung für Jogis Jungs“.

„Spielerfrauen dürfen eine Nacht ins Mannschaftshotel“

Ja, so was will ich doch sehen. Und dass da Boatengs Freundin nicht drauf ist, weil die wahrscheinlich nicht mal gekommen ist. Aber ich lese am liebsten die FAZ und die Süddeutsche, beide gleichwertig gerne. Bei der FAZ finde ich das Feuilleton besser als bei der Süddeutschen, die Süddeutsche hat in jüngster Zeit einen Sporn, auch mit dem Grass-Gedicht. Aber bei der Süddeutschen ist die Seite 3 wunderbar, die Politik ist auch sehr gut, die Kommentarseiten, die Samstagsbeilage und das Magazin, alles gut.

Über die Grass-Sache ist ja jetzt auch wirklich genug geredet worden.

Ja, weg, weg.

Welches von all den Büchern, die Sie besitzen, mögen Sie am liebsten?

Ich mag komischerweise meine Nachschlagewerke am liebsten. Ich hatte als Schüler dieses Lexikon, in einer zerfledderten Ausgabe. Das war 1950, als es nichts Vernünftiges gab. Da hatte ich ein Lexikon von 1906 und da war alles drinnen, was ich gebraucht habe. Alle Mythen und alles, was ich wissen wollte. Ich hab seit dieser Zeit Lexika gesammelt und das ist auf einmal obsolet. Meine Sekretärin sagt, sie hat ihren Laptop oder ihr Handy und dann weiß sie alles sofort.

Glauben Sie, dass das Internet der Tod der Lexika ist?

Ja, ich glaube schon. Das ist sehr schade, weil die Lexika auch einen Sinn haben. Man blättert sich fest, dann sieht man auf einmal Singvögel, die schön koloriert sind, oder griechische Sagenfiguren. Also Lexika habe ich schon am liebsten.

Glauben Sie, das Internet ist der Tod des Buches?

Weiß ich nicht, das glaub ich nicht. Ich glaube, es ist wie mit Schallplatten, die man ja auch immer noch kauft und behält. Es gibt sogar eine kleine versnobte Renaissance der alten Schallplattenspieler. Ich hab einen im Keller stehen, der damals sehr teuer war. Ich hab ihn aber dann doch nicht mehr genutzt.

Woran, denken Sie, liegt es, dass die Leute heute viel weniger lesen als früher?

Weil sie keine Zeit mehr dazu haben. Weil ich mich um 18 Uhr auch vor den Fernseher setze, um England gegen Frankreich zu kucken. Gut, da wäre ich früher vielleicht auf den Fußballplatz gegangen. Wobei, ich glaube, im Schnitt lesen die Leute nicht weniger, sondern mehr. Wenn Sie sich ausrechnen, dass Goethes Werther ein absoluter Bestseller war und heute ein Buch mit einer relativ kleinen Auflage wäre. Es gab damals viele Analphabeten, viele Leute, die gar keine Bücher gelesen haben. Ich glaube nicht, dass die Klage berechtigt ist, dass heute wirklich weniger gelesen wird.

Aber glauben Sie, dass das Internet die Literatur an sich verändert?

Ja, zum Beispiel gibt es diesen Autor, der ganze Internet-Romane geschrieben hat und sehr erfolgreich ist. Er hat zwei Bücher geschrieben, die nur getwittert und ausgetauscht werden, er war jahrelang auf der Bestsellerliste. Meine Namen heute … Sein zweites Buch erscheint jetzt gerade.

Und denken Sie, dass sich nur die Form ändert, oder auch die Inhalte?

Beides ändert sich. Wir sind heutzutage anders angezogen. Wir geben uns anders. Wir haben andere Gewohnheiten und das spiegelt sich natürlich auch in der Literatur wider.

Trotzdem haben die alten Romane noch die gleiche Wirkung.

Was lesen Sie denn gerne?

Ganz viele verschiedene Sachen.

Was denn besonders gerne?

Ich hab früher sehr gerne Gedichte gelesen.

Das hat meine Tochter auch gemacht, ich auch. Ich konnte viele auch auswendig.

Ich hab gerne die Russen gelesen. Tschechow, Gogol, Tolstoi, Onegin und logischerweise Dostojewski, was man halt so liest. Aber bei Onegin kann man das ganz gut sehen. Ich finde es spannend, dass die Geschichte genauso gut im jetzigen Berlin spielen könnte. Die Langeweile, dieser Überdruss Onegins. Theoretisch hat sich seitdem sehr viel geändert, aber trotzdem ist die Geschichte gleich. Werden in der Literatur immer wieder die gleichen Geschichten erzählt, nur in andere Jahrhunderte versetzt? Was denken Sie?

Die Literatur hat zwei ganz große Themen: Liebe und Tod. Oder Geburt und Mord, Verbrechen. Das bleibt ja immer gleich. Schuld und Sühne von Dostojewski kann immer spielen.

Nur das Element der Absurdität ist vielleicht stärker geworden.

Ja, obwohl Don Quijote ganz schön absurd ist. Und Gullivers Reisen sind auch ganz schön absurd.

Was wird von den ganzen Sachen, die in den letzten 20 Jahren erschienen sind, in 100 Jahren noch interessant sein?

Ich kann die Zukunft nicht voraussagen. Ich weiß nicht, was Menschen interessiert. Ich weiß nicht, welche Musik wiederkommt. Als Visconti den Tod in Venedig verfilmt hat, habe ich erlebt, dass auf einmal die Welt wieder voller Gustav-Mahler-Musik war. Die war vorher weg gewesen. Ich glaube, man kann schwer was voraussagen. Ich finde zum Beispiel, dass es jetzt gerade eine erstaunliche Wiederkehr des Comics gibt. Und es gibt inzwischen so beeindruckende Comic und so gute.

Für welche Mannschaft sind Sie denn bei dem Spiel jetzt gleich?
Ich weiß nicht, haben Sie Fußball gekuckt in den letzten Tagen?

Ich hab Freitag gekuckt. Polen gegen Griechenland. Das schrecklichste Spiel seit Langem. Ganz ganz furchtbarer Fußball.

Schrecklich. Aber ich habe gestern auch ein ganz furchtbares Spiel gesehen. Irland gegen Kroatien. Aber ich habe ein Traumspiel gesehen, da war ich richtig selig. Spanien gegen Italien. Das war wirklich ein großes …

… Konzert?

Ja, wirklich wunderbar. Ansonsten. Also, ich bin natürlich für die deutsche Mannschaft. Aber bei denen hab ich eher das Gefühl, die kehren zu ihren alten Sitten des Rumpelfußballs zurück.

Ein gutes Buch über Fußball?

Ehm … es gibt ein Buch von Handke, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Dieses Buch hat nichts mit Fußball zu tun und der Wim-Wenders-Film, der darauf basiert, auch nicht. Ich wollte damals beim Spiegel das Buch durch Radenkovic besprechen lassen, der war Torwart von 1860 München, das waren die damaligen Bayern. Und dann habe ich gemerkt, dass wir—selbst beim Spiegel—einen Torwart als Autoren nicht bezahlen können.

Haha.

Aber er hat mir einen sehr netten Brief geschrieben. In dem stand: „Der Titel ist Blödsinn. Der Torwart ist der Einzige, der keine Angst hat beim Elfmeter. Wenn er hält, ist er ein Held, wenn er nicht hält, macht’s auch nichts.“ Das ist wirklich so. Und das ist mir wieder eingefallen bei den verschossenen Elfmetern in der Champions League. Die Schützen müssen Angst haben.

Gibt es eine Szene aus einem Buch, die Sie nie vergessen haben oder die für Sie sehr wichtig war?

Es gibt beispielsweise in Gullivers Reisen die Szene, wo die Yahoo-Frauen Gulliver nackt sehen, und sich auf ihn stürzen. Es gibt auch eine Szene, die ich nie vergessen werde: Die Ballszene in Anna Karenina. Wo die Verlobte ihren Verlobten verliert an Anna Karenina. Es gibt viele Szenen, die ich mag. Ich mag die Szene aus dem Werther, wo Lotte bei Gewitter am Fenster steht und für die Kinder Brot mit Butter bestreicht. Es gibt die erste Szene von Grimmelshausens Simplicissimus, wo die Schweden dem Vater Salz auf die Fersen streuen und von Ziegen ablecken lassen, und der lacht und lacht, und der kleine Junge merkt nicht, dass das die Folter ist. Folter durch Lachen.

So wie bei Mario Barth.

Haha, ja.

Gab es je ein Buch, bei dem Sie sich gewünscht hätten, es hätte ein anderes Ende?

Da gibt es ziemlich viele. Es ist schwer, gute Enden zu schreiben. Aber es gibt viele Bücher mit Enden, die ich mir nur deshalb anders gewünscht hätte, weil das Ende so schrecklich wahr ist. Kafkas Prozess hat ein schreckliches Ende.

„… wie ein Hund“ war das Letzte, richtig?

Ja. Ich hätte mir bei Lolita ein anderes Ende gewünscht. Das Buch ist ja aus einer Zelle geschrieben, wo ein Mörder sitzt. Ich hätte mir nicht gewünscht, dass er so enttäuscht wird. Er denkt, dass er Lolitas Unschuld zerstört hat, und das hat er gar nicht. Die war von selbst verdorben … aber nein, vielleicht hätte ich mir das doch nicht anders gewünscht.

Was macht ein gutes Ende aus?

Das man sagt: „Nein! Nein! So darf es nicht enden!!“ … Weil ich eigentlich lieber Kitsch hätte. Weil ich lieber eine wunderbare Lösung hätte. Weil alles gut gehen soll.

Hm, aber gibt es nicht auch den Satz, dass ein Happy End immer nur die Stelle ist, wo man eine Geschichte willkürlich abbricht?

Das stimmt schon. Zum Happy End gibt es ein schönes Gedicht von Tucholsky, „Es wird nach einem Happy End im Film gewöhnlich abgeblend’t“, kennen Sie das? Dann hol ich Ihnen das … Oh, jetzt läuft das Fußballspiel schon!!

Vielleicht können wir’s nebenbei laufen lassen?

Ja. Ja! Wissen Sie, was das Blödeste bei dieser Europameisterschaft ist? Diese Bilder. Mit der Blume. So ein Unsinn …

Was ich Sie vorhin noch fragen wollte, als wir über Hitler und Humor sprachen: Kennen Sie berühmte schwarze Schriftsteller? Mir fallen auf Anhieb gerade keine ein.

Ah … Moment. Ich habe nie nach der Hautfarbe gekuckt.

Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, dass wir immer erst Mal dieses Bild vom bleichen, ernst schauenden europäischen oder amerikanischen Schriftsteller im Kopf haben …

Schwarze Schriftsteller … das kann doch gar nicht sein!! Das kann doch alles nicht sein. Von den afrikanischen Schriftstellern  …

Was war eigentlich das letzte Mal, dass Sie sich so richtig über irgendetwas geärgert haben, jetzt mal abgesehen von Blumenbildern?

Mein Ungeschick. Ich hab zum Beispiel heute meine Badehose liegen lassen. Ich habe früher auch was vergessen, aber da konnte ich es noch nicht dem Älterwerden in die Schuhe schieben.

Fürchten Sie sich vorm Älterwerden?

Was soll ich mich vorm Älterwerden fürchten, wenn ich uralt bin? Ich bin 78, ich bitte Sie!

Fürchten Sie sich vorm Tod?

Nein, vorm Tod nicht. Nur vorm Sterben. Vorm Tod wirklich nicht, nein … Ich habe heute über Werner Herzog etwas gelesen, der seine letzten Filme alle über Leute gemacht hat, die zum Tode verurteilt wurden. Das wäre natürlich schrecklich. Obwohl man, auch wenn man nicht zum Tode verurteilt ist, natürlich schneller sterben kann als einer, der es ist. Man muss nur über die Straße gehen, und plötzlich ist man tot. Mein Lieblingsbild zu dem Thema ist wieder ein Cartoon im New Yorker. Da fällt ein Mann von einem Hochhaus runter, das hat 100 Stockwerke. Und während er fällt, kommt er am 20. Stockwerk vorbei, und da sagt er: „Bisher ist ja noch alles gut gegangen.“ Und so leben wir eigentlich.

Herr Karasek, vielen Dank für das Interview.

Wenn Sie jetzt fahren, kriegen Sie denn dann das Ende des Spiels mit?

Nein, leider nicht. Das Autoradio funktioniert nicht.

Oh … ich könnte Sie anrufen und Ihnen den Spielstand durchsagen? Und wenn Ihr Radio doch geht, sagen Sie Bescheid?

OK, abgemacht.

Auf dem Rückweg auf der Autobahn klingelte tatsächlich mein Handy.

Ja?

Ja, es ist Halbzeit, und es steht 1:1. Haben Sie jetzt Radio?

Nein.

Dann rufe ich sie am Ende noch mal an.

(60 Minuten später)

Ja, hallo?

Karasek hier. Es ist bei 1:1 geblieben, es war seeehr langweilig. Aber meine Frau hat mir noch zwei schwarze Schriftsteller gesagt. Tony Morrison und C. Whitehead. So. Das war’s!

(c) Juliane Liebert, 2012

erschienen auf vice.com

Foto: Florian Büttner