lugdunam

 

[brad21] hey jazz, what are your plans for today?
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[you have been disconnected]

an dem tag, an dem sich karls urin von babyrosa zu burgunderrot verfärbte, beschlossen wir, die stadt zu verlassen. schon seit einiger zeit hatte sich karls zustand ständig verschlechtert. der anblick war uns vertraut geworden: karl, kreidebleich im flimmern der mattscheibe, karl kotzend, karls pillensammlung neben den wattepads, karl mit tapfer tränender fresse. das azurblau seiner augenränder, die ruinen seiner wirbel. sand. sein gesicht sah inzwischen aus wie die touristenfreundliche aufnahme eines hungernden wüstenvolkes. wir betrachteten karls leidensgeschichte als eine art soap mit immer wechselnden darstellern. delir tremens. chologene diarrhoe. aprexie. natürlich, wir litten mit ihm. wir unterhielten uns köstlich. aber an dem morgen, an dem karl begann, sein herzblut auszupissen, so tiefrot, dass es nahezu schwarz schien – da erschraken wir und beschlossen, abzuhauen. wir wollten irgendwas fremdländisches mit meer und giraffen, oder unserethalber auch großstadtdschungel, nur groß und ursprünglich sollte es sein und uns hinreißen. wir wollten hochhäuser, an die wir unsere auf meterhohen hälsen balancierenden köpfe lehnen konnten. wir wollten die einfachen, lauten, leichten dinge. popcorn, noch eine letzte werbepause vorm finale. es bedeutete, unser leben aufzugeben. an besagtem morgen saß ich in der küche und erstellte eine liste, was dieses plötzliche abtauchen mich kosten würde: meine arbeit, ein paar freunde, das neon abo nächsten monat – gut, aber es würde eine nächste ausgabe geben und karl starb wahrscheinlich nur einmal. es gab nicht viele dinge, die anderswo anders sein würden, die zeit verging hier wie da. es war nur eine frage des momentes. ich kannte karl und jazz zu diesem zeitpunkt exakt zwei jahre. wir wohnten in einem reihenhaus im zentrum der stadt; ein altbau von exakt dem gelb, das karls urin idealerweise gehabt hätte, wenn karl gesund wäre. das haus hatte die farbe von karls pisse in einer besseren welt.
jazz hirn begann, sich zu zersetzen, bevor wir auch nur in die nähe der tür waren. jazz schmierte stullen, jazz wollte los, jazz wollte ins bad, karl war im bad und erbrach sich seit gefühlten zehn stunden. “kannst du nicht in die spüle kotzen, ich muss duschen!” brüllte jazz, obwohl sie schon geduscht hatte; ihr haar war gordisch ins handtuch eingeknotet. ich aß kinder pinguin und arbeitete an meiner liste-der-dinge-die-ich-noch-kündigen-muss. karl wechselte den tatort. wir tranken kaffee. jazz tat die üblichen zwei süßstofftabletten in karls tasse. er vertrug keinen zucker, kein weißes mehl und keine tierischen fette, und jazz setzte all ihre energie daran, ihn von all dem fernzuhalten. karl kaute und schluckte langsam, sein unterlippe war aufgesprungen. er war auf eine art schön, die eher einem gegenstand als einer person zugehörig schien. die elemente seines gesichtes schienen nicht der funktion, sondern ihrer bloßen ästhetik halber so angeordnet zu sein. wer ihn nur ansah, konnte sich nicht vorstellen, dass er je aß oder trank. seine krankheit schien unlogisch. hologramme werden nicht krank. jazz hätte alles für karl getan. mir hingegen genügte es, den beiden zuzusehen, der karl-jazz-symbiose, weil das leben mit ihnen mich von jeder tatsächlichen verpflichtung fernhielt. insofern kam mir unser trip gelegen. ich versuchte, jazz’ blick einzufangen. ich konnte es kaum erwarten, dass wir unsere sachen gepackt hatten. es war bereits nachmittag.

[jazz] hi brad
[jazz] dunno
[jazz] how long have you been working for this company?
[jazz] three, four years?
[jazz] have you never thought about just taking the next train?
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wir fuhren. wenn vorher einer gesagt hätte, schätz mal, wie groß ist die stadt denn – ich hätte mir ihr ausmaß nicht vorstellen können, die ausdehnung dieser halbrenovierten knetmasse im jugendstil, ich hätte gewettet, sie sei kleiner. jazz fuhr. ich war mir nicht mehr sicher, ob ich das alles cool fand. ich fragte karl. karl sagte, das bekämen wir hin, im prinzip werde jede situation cool, wenn man sich vorstelle, man sei nackt, irgendetwas brenne und man werde von einhörnern angegriffen. naja, sagte jazz. wir spielten die szenarien durch: abwaschen, (nackt, wütende einhörner vorm fenster, der kühlschrank brennt – cool.), auf die bahn warten (nackt, wütende einhornherden hinter der tram, und irgendwo im hintergrund brennt ein kinderwagen – cool.) naja, sagte jazz; ich begann, mich wohlzufühlen. schade, dass karl stirbt und nicht jazz, dachte ich und schämte mich im selben moment. andererseits wäre karl nie von alleine irgendwohin gefahren, also hätten wir auf ewig in unserem altbau festgesessen, unsere leben eine abfolge von ereignissen, die nie eine geschichte ergaben. karl würde sterben, jazz würde leben. für mich wollte ich keine hypothesen aufstellen. ich versuchte, traurig zu sein. der kilometerzeiger rollte, die zeit verging schneller. alles passierte in werbespotgeschwindigkeit. wir fuhren. die welt bestand aus rücklichtern vorne und streifen schräg seitlich und häusern links und rechts. mich wunderte, dass wir immer noch nicht aus der stadt waren, ich hätte gewettet, sie sei kleiner.

wir beschlossen, im auto zu übernachten. wir tranken kalten kaffee aus thermoskannen. ich tat jazz und karl etwas von dem süßstoff rein. jazz spuckte. “was soll das? das zeug schmeckt widerlich.”, sie ließ einen duftenden wasserfall ins gras neben dem wagen rauschen. karl hustete. sein hellgraues haar warf schattenpfeile auf den pappbecher. ich verstand. ich sah jazz finger, die auf den knopf des behälters drückten, das fallen der weißen tabletten, ihr zischen. ich brachte kein wort heraus. die dämmerung klappte herunter und trieb uns enger zusammen. wir hatten zwei flaschen wodka gekauft. unsere körper saugten ihn auf wie schaumstoff. karl erzählte, dass er einmal ein mädchen gekannt hatte, dass sich jeden abend die füße eincremte und dazu eine kerze anzündete. und dass man schneller besoffen wurde, wenn man den alkohol durch einen trichter in den arsch einführte, aber auch einfacher starb. naja, sagte jazz. ich versuchte zuzuhören. süßstoff. außerhalb des autos existierte die stadt nicht mehr. wir wurden magnetisch, schwerer. jazz umfasste meine hand, er küsste sie, mich. wir waren nackt, brannten und wurden von einhörnern angegriffen. wir waren falsch abgebogen. schon vor stunden. wir fuhren.

[brad21] ..jazz?
[brad21] you can be honest. if you need a few days of, i’ll understand. just don’t take the piss.
[brad21] what are your plans for today?
[brad21] jazz?
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ich erwachte vor dem ersten dämmern. es war merklich abgekühlt. ich krallte mir karls pullover, kletterte über die lehne nach vorn und startete den motor. rechts & links erschienen graue häuser, monstervillen, die fenster flachbildschirme mit der tagesfolge bürgerliche existenz. werbepause. die farbe der wände ringsumher entsprach der unseres hauses. daneben dasselbe. und noch eins. wir fuhren. ich stellte mir vor, wie wir parken würden. vor einem dieser häuser. wie ich aufschloß, und beim eintreten wieder heraustreten und erneut vor der fassade stehen würde. als sei ich durch eine klappkarte gegangen. du kommst hier nicht rein. bang. keine einhörner in sicht. nur gelbe fassaden. wir waren immernoch in der stadt, ich hätte gewettet, sie wäre kleiner. alle häuser waren gelb, zu beiden seiten reihte sich das immerselbe haus. rechts und links, neun a, neun a. War das unsere hausnummer gewesen? hinter der nächsten kurve dasselbe. ein kaleidoskop. spiegelscherben. ein gelbes häusermeer. ich wagte nicht anzuhalten. jazz und karl schliefen auf dem rücksitz. der tank war noch halbvoll. wir hatten noch zeit. wo waren die einhörner? jazz schnarchte arhythmisch. wir würden irgendwann anhalten müssen. eine straßenecke, es hätte jede beliebige sein können. ich begann nach einer mauer ausschau zu halten. einer grube. einer brücke. irgendetwas, wogegen ich das auto setzen konnte. nichts. der tank war noch halbvoll. ich war ruhig; es war ganz gleich, ob ich abbog, wendete, in welche richtung ich fuhr: am ende stünde immer dieses gelb, kein sonnengelb, kein wassergelb. die farbe von karls urin in einer besseren welt. wir fuhren.

[brad21] hi how are you
[jazz] fine
[brad21] good to hear… what are your plans for today?
[jazz] today i ll stop poisoning my boyfriend and we’ll hit the road
[brad21] ok
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© Juliane Liebert
2009
veröffentlicht in 17. open mike, Allitera Verlag